Geheimnisvolle Wintersagen von Rügen

In der dunklen Jahreszeit erzählt man sich auf Rügen gern Märchen und Geschichten, die von wundersamen Begebenheiten handeln. Sie sind zeitlos und begeistern Kinder und Erwachsene auf gleiche Weise. Wir entführen Euch in die geheimnisvolle Sagenwelt der Insel Rügen.


Geschichten über besondere Gestalten

Rügens schöne Sagenwelt

Ob Gassen oder Ecken, Häuser, Felder oder auf weiter Flur: Überall trifft man auf Rügen geheimnisvolle Gestalten wie in den folgenden Sagen berichtet wird.  

Der Nachtjäger auf dem Bakenberg auf Wittow

Auf dem an der Nordküste der Halbinsel Wittow gelegenen Bakenberg hat der Nachtjäger sein altes Revier. Dort jagt er oft des nachts mit seinem Gefolge und verursacht dabei ein so lautes Getöse, dass es weithin zu hören ist. Wenn sich nun ein nächtlicher Wanderer seinem Revier nähert, so ruft ihm der Nachtjäger mit sehr schauerlicher Stimme zu: Hiho, Hiho! Holl den Middelweg! Denn bieten di mine Hunn´ nich (dann beißen dich meine Hunde nicht).

Ein alter Mann mit dem Namen Schwarz, der vor etwa 50 Jahren in Starrvitz lebte, hatte den Nachtjäger des Öfteren beim Bakenberg gesehen. Er berichtete, der Nachtjäger habe jedes Mal auf einem Schimmel gesessen, der aus seinen Nüstern Feuerfunken blies und vor ihm auf dem Pferd lag ein Frauenzimmer mit lang herabhängendem Haaren. Das war ganz klar und deutlich zu sehen, weil über und hinter dem Nachtjäger ein helles Licht sichtbar war.

Nachtjäger zieht durch Häuser

In Lonvitz wohnte vor vielen Jahren eine Bäuerin, Niejorsch genannt. Ihr Wohnhaus war noch eines von den alten Bauernhäusern, in denen Vorder- und Hintertür einander gegenüber, am Eingang und Ausgang der Diele lagen. Nach Sonnenuntergang hielt sie stets eine der beiden Türen geschlossen. Wenn sie darüber befragt wurde, warum sie das täte, sagte sie: sie wolle dadurch verhindern, dass der Nachtjäger durch ihr Haus zieht. Der Nachtjäger habe stets eine große Meute von Jagdhunden bei sich und wenn er durch ein Haus zieht, könnte sich doch der eine oder andere große Hund in die eine oder andere Ecke oder den Winkel des Hauses oder sogar unter die Schränke und Betten festlaufen. Sobald aber der Nachtjäger erst einmal durch ein Haus hindurchgezogen sei, so kehre er immer wieder. Selbst wenn er das Haus verschlossen vorfände, jage er Nacht für Nacht um jenes Haus herum. Kein Mensch könne aber dann vor dem Lärm und Spektakel seine Ruhe finden.

Der kleine Hausgeist „Puk“

Auf Rügen gibt es in allen Inselteilen Sagen von einem kleinen Hausgeist, der hier „Puk“ genannt wird und die Größe einer Kaffeemühle oder eines etwa zwei Jahre alten Knaben hat. Alle Kleidung am Puk, selbst seine Mütze, ist aus rotem Stoff.

Dieses kleinen Hausgeistes Puk kann man sich auf folgende Weise annehmen: Wenn der Puk sich im Hause durch Klopfen und Poltern meldet, so spreche man folgende Worte: „Wat is din Begehr? Wisst bi mi in Arbeit, denn kumm her!“ Dann bleibt er bei einem in seinen Diensten. Will man ihn später loswerden, so lässt man ihm eine neue rote Jacke machen, dann nämlich geht er mit dieser für immer fort.

Über das Wesen eines „Puks“

Wer einen Puk in seinen Diensten hat, braucht keine Not zu leiden. Denn der selber trägt seinem Herrn so viel Geld zu, als er nur irgend braucht und wünscht. Selten kommt es aber vor, dass er seinen Herrn anführt, wenn er ihm z. B. statt Geld ekelhaften Schmutz bringt. Wenn aber der Puk auf Raub ausgeht, so hat er entweder die Gestalt einer Katze oder er geht als Feuerdrache zum Schornstein hinaus. Die Katzengestalt zieht er aber vor, da die Katze überall, selbst durch die noch so kleinsten Öffnungen aus- und einschlüpfen kann. Im Haus zeigt sich der Puk meistens als kleiner Knabe mit roter Jacke und Mütze. Einen Puk verschafft man sich unter anderem dadurch, dass man in der Neujahrsnacht über sieben Feldgrenzen rückwärts geht, ohne sich dabei einmal umzudrehen und zu sprechen.

Wer diesen Puk wieder loswerden möchte, muss von einem Stiefel die Sohle abschneiden und dem Puk befehlen, diesen Stiefel mit Geld zu füllen. Sobald jedoch der Puk merkt, dass er jene Aufgabe nicht erfüllen kann, verlässt er seinen Herrn. Diejenigen, welche sich solch einen Puk dienstbar gemacht haben, sollten jedoch stets darauf achten, dass der Puk genügend Arbeit hat, die er für seinen Herrn verrichten soll. Sonst kann es geschehen, dass er fortwährend von ihm geplagt wird. Der Puk sitzt dann unsichtbar auf dem Rücken seines Herrn und prügelt auf ihn ein oder zerzaust ihm das Haar. Selbst in der Nacht lässt er seinem Herrn keine Ruhe, sondern kommt vor sein Bett, winselt wie ein kleiner Hund und möchte mit in das Bett.


Über Spukerscheinungen und Irrlichter

Spuk und Irrlichter

Überall auf der wunderschönen Insel Rügen kennt man Sagen über Spukerscheinungen aber auch Irrlichter, die hier und da auflodern und flackern. Gerade in der dunkleren Jahreszeit wurden solche Sagen am Abend von den älteren Dorfbewohnern den Kindern oder Enkeln erzählt.

Der erlöste Spuk

So auch diese Geschichte: Einige Männer waren auf dem Wege von Gingst nach Trent unterwegs. Als sie an einem Kreuzweg angelangt waren, fanden sie dort etwas Weißes liegen. Einer der Männer hob nun jenes Weiße auf, doch plötzlich hing es wie eine Zentnerlast auf seinem Buckel. Er musste diese Last bis kurz vor Trent tragen. Dort angekommen, sprang die Last von seinem Rücken ab und vor dem Mann und seinen Begleitern standen plötzlich ein Knabe und ein Mädchen in weißen Gewändern. „Du hast uns nun erlöst“, sagten sie und kaum ausgesprochen, waren sie weg.

Der Feuerwagen zu Silvester

Über die Wreechener Tannen sieht man den Feuerwagen zwischen 0 und 1 Uhr mit feurigen Pferden bespannt hinwegfahren. Die Leute, die diese Erscheinung gesehen haben, sagen immer wieder, dass es dabei ganz stille und lautlos zugegangen sei.

Irrlichter bei Sagard

Auf dem Hügelgrab Dobberworth sieht am Abend ein Schuster ein Feuer brennen und um dasselbe herum sieht er es laufen und „spallunken“. Er rief nun seine Nachbarn, aber als sie wieder an dem Hügel angekommen waren, war der Spuk vorbei und das Feuer erloschen.

Irrlichter am Selliner See

Auf dem Selliner See sind die Irrlichter zu sehen. Hart an der Baaber Bek liegt eine kleine Insel, „Der Wardel“ genannt. Dort sieht man besonders in der Herbstzeit die Irrlichter viel hinübergehen. So soll dort, wo sie gesehen, noch ein Ereignis geschehen. „Wo dat passiert, passiert ook noch mihr“, sagen die Leute und gemeiniglich verunglückt dort im nächsten Winter jemand.

Irrlichter auf Wittow

Irrlichter, so glaubt man, sind die Seelen von ungetauften Kindern oder von Erwachsenen, die eines gewaltsamen Todes durch Mord oder Selbstmord starben sowie von ertrunkenen Seeleuten. Auf der Feldmark von Starrvitz auf Wittow sieht man in schönen Sommernächten oft Hunderte von diesen Irrlichtern über die feuchten Wiesen, den Sumpf und das Moor dahinhuschen. Jedoch zeigen sie sich oft bei den zu Starrvitz gehörenden Katen, die den Namen „Hürngraben“ tragen. Dort spukt es oft und man glaubt, dass das mit den Irrlichtern zusammenhängt. Einst ging eine Frau nun von Starrvitz nach Banz. Unterwegs liegt ein Grund und aus diesem trat ihr plötzlich ein großes, dunkles Ungetüm entgegen, das allmählich immer größer wurde. Zuletzt sah es aus wie eine Kuh mit zwei großen Hörnern. Nach einer Stunde ging die Frau den Weg wieder zurück, doch das Ungetüm stand immer noch da.


Über Riesen und die Entstehung von Hünen- und Hügelgräbern

Siegessteine in Stresow

Früher glaubte man, dass die ganze Insel von Riesen bewohnt gewesen war, die mächtige Kräfte besaßen und die größten Felsblöcke spielerisch von einer Stelle zur anderen bewegten.

Rügen hat neben seiner landschaftlichen Schönheit auch noch kultur- und frühgeschichtliche Besonderheiten zu bieten, wie sie nirgendwo sonst in einer so konzentrierten Dichte zu finden sind – die Hünen- und Hügelgräber. Der Volksglaube brachte zu dieser Thematik etliche Sagen zustande. Diese Gräber könnten nur von Riesen gebaut worden sein, so glaubte man früher. So wird erzählt, dass alle hundert Jahre die Hünen aus den Gräbern auferstehen, sich auf die Berge stellen und überschauen, wie es in der Welt aussieht.

Riesin am Hügelgrab Dobberworth

Zu dem Dobberworth südöstlich von Sagard, dem größten norddeutschen Hügelgrab, gibt es Folgendes zu berichten: Vor unendlichen Zeiten hauste auf Jasmund eine mächtige Riesin, die sich zu ihrer Zeit einem Fürsten von Rügen zur Gattin antragen ließ. Man weiß nicht, ob aus Zuneigung oder um ihre Macht zu erweitern. Der Fürst schlug jedoch diese ungeheure Ehre aus. Zornig und erbittert darüber drohte nun die Riesin mit Gewalt, um sich des erlittenen Schimpfes zu rächen. Sie zog ihre Kriegsleute zusammen. Um diese über das schmale Wasser des Jasmunder Boddens bei der Lietzower Fähre nach Rügen hinüberschaffen zu können, befahl sie, die Meerenge mit Sand auszufüllen. Dabei legte sie selbst Hand an. Doch schon der erste Versuch scheiterte kläglich. Kaum war sie mit einer großen Ladung Sand und Steine bei Sagard angekommen, zerriss der große Sack oder andere meinen ihre Schürze, in welcher sie die Erde und Steine trug. Und so sei nun der Dobberworth entstanden. Die Riesin, die das als eine böse Vorbedeutung ansah, wurde mutlos und gab ihren Plan auf.

Riesen auf Wittow

Auf Wittow bei Nobbin steht ein großes Hünengrab. Die Steine, so heißt es, die den Nobbiner Steinkreis bilden, sind von einer Riesin in der Schürze vom Strande auf das hohe Ufer hinaufgeschleppt worden. An der Schürze sollen seidene Fäden als Bänder gehangen haben. Andere meinen, die Steine sind von Riesen an seidenen Fäden dort hinaufgetragen worden. Auch für das Riesengrab bei Alt Mukran waren einst, so glaubte man, Riesenhände am Werk. Eine Riesin hat hier ihre beiden Kinder begraben, die durch ihre Sorglosigkeit ertrunken waren. Deshalb, so sagt man, stehen auch zwei mächtige Steine am Westende des Grabes, wovon der eine jetzt in die Erde gesunken ist, der andere auf der Kante steht, und vier Ellen in der Höhe misst.

Der Riese bei den Stresower Siegessteinen

Über ein ganz besonderes Großsteingrab, welches an einem der meistgenutzten Wanderwege im Biosphärenreservat Südost-Rügen liegt, wird nun Folgendes berichtet:

Am Fuße der Stresower Hügel stehen in einer Ebene mehrere Gruppen von Steinkegeln, welche heutzutage freilich arg zerstört sind. Diese Steine heißen Siegessteine oder wie der Volksmund sagt „de Zägensteen“. „Zägensteen ward dorto seggt, äwer Siegssteen ward dat schräben“ erklärte ein alter Waldwärter aus Süllitz.

Die Putbuser sollen an dieser Stelle einst in einem heftigen Kampf mit dem Mönchguter Volk gestanden haben und nach diesem Kampf soll die siegende Partei diese Steine als Siegesdenkmal errichtet haben. Andere Leute berichten, dass es Riesenweiber waren, die den Siegern dieses Kampfes Beistand geleistet und die großen Steine dahin gebracht und aufgestellt hätten. Der Grund für diese Auseinandersetzung war eine uralte Fehde. Denn die Putbuser und die Mönchguter lagen von jeher miteinander in Zwist und Hader. Aus jener Zeit soll auch der Name „Poken“ herstammen, womit die Putbuser ihre Feinde – die Mönchguter – spottweise belegen und bis auf den heutigen Tage bezeichnen. Bedienten sich doch dieselben im Kampfe langer sehr scharfer Messer, welche eben „Poken“ hießen. Die Mönchguter hingegen bezeichnetet die Putbuser mit dem Schimpfnamen „de Kollen“, da die Putbuser mit Kollen, das sind Streitkolben, bewaffnet waren. Auch dieser Name ist bis heute geblieben. Demzufolge bezeichnen die Mönchguter alle Rüganer, welche nicht auf ihrer Halbinsel geboren sind, mit diesem Worte.

Bei den „Ziegensteinen“ eigentlich „Siegessteine“ genannt, wankt nun bis auf den heutigen Tag ein großer mächtiger Riese mit auffallend großem Kopfe umher. Dem Wanderer, der zu den „Siegessteinen“ läuft, dem kommt der Riese entgegen, begleitet ihn ein Stück des Weges ohne dabei auch nur ein einziges Wort zu sagen, um dann bei den Steinen wieder zu verschwinden.


Schatzsagen

Schatzsagen

Im Wald, am Strand oder auf dem Feld: Wo liegt der Schatz verborgen? Auch diese Form der uralten Sagen werden auf Rügen seit Generationen weitergeben.

Der brennende Schatz zu Nadelitz

Ein Besitzer von Nadelitz sah eines nachts um 12 Uhr vor dem Torweg seines Gutes ein Feuer glühen. Schnell weckte er einen seiner Knechte und nachdem dieser einen Spaten genommen hatte, fingen sie an das Feuer auszugraben, denn sie wussten wohl, dass das glühende Feuer einen in der Erde verborgenen Schatz anzeige und diesen wollten sie heben. Bald erschienen allerlei Gestalten, welche die beiden nun zum Sprechen bringen wollten. Sie ließen sich aber nicht dazu verleiten, um nicht das ganze Unternehmen scheitern zu sehen. Endlich war die Arbeit vollendet und eben wollten sie das Feuer ausheben, da schien es plötzlich, als ob der ganze Hof in Flammen stünde. Voller Schrecken rief der Herr aus: „Ach, min Söhn!“ Denn sein Sohn befand sich im Wohnhause. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da versank das Feuer mit furchtbarer Wucht tief in die Erde, so dass ihnen der Schmutz um die Ohren flog.

Der dänische Kriegsschatz

Durch das Gefecht bei Warksow hatte der schwedische Feldherr Graf Königsmark die verbündeten Dänen und Brandenburger vollständig besiegt. Die Dänen suchten nach Wittow zu entkommen, um von hier zu Schiffe weiter zu fliegen, aber sie wurden von den nachsetzenden Schweden hart verfolgt. Als sie bis Silenz gekommen waren, waren die Feinde ihnen so dicht auf den Fersen, dass sie an ein Entkommen nicht mehr denken konnten. Die flüchtigen Dänen führten aber einen bedeutenden Kriegsschatz mit sich und um denselben nicht in die Hände der Feinde gelangen zu lassen, versenkten sie ihn in dem Teich, welcher hinter dem Dorfe Silenz hart an der alten Landstraße Bergen-Wittow liegt. Ob der Schatz aber je wieder ans Tageslicht gekommen ist, davon gibt nun die Sage keine Kunde.

Schatz, der wie Kohlen brennt

Ein im Jahre 1803 geborener Arbeiter bei Putgarten berichtete aus seiner Jugend und erzählte Folgendes: Ich diente als Junge bei einem Bauern in Putgarten. Dem Bauern ging es ziemlich dürftig, denn sein Vieh war mager und die Gebäude ziemlich baufällig. Außer mir dienten noch zwei Knechte und drei Mägde auf seinem Hofe. Eines Abends war ich in der Leutestube eingeschlafen und die Knechte und Mägde gingen zu Bett ohne mich aufzuwecken. In der Nacht wachte ich von selber auf und als ich mich dann etwas ermuntert hatte, sah ich plötzlich nebenan in der Küche ein helles Lichtlein brennen. Ich aber dachte, es wären die Mägde, die vielleicht etwas länger aufgeblieben wären, um sich noch ein Stück Zeug auszuwaschen. Und da kam mir ein Gedanke: „Die Mädchen sollst du einmal recht erschrecken.“ Ich schlich mich also leise an die Küchentüre heran. Aber wie erschrak ich, als ich in die Küche hineinblickte! Da saß auf der Erde ein kleiner Mann mit einem großen Hute und rührte mit einem Stocke in der vor ihm liegenden Kohle. Doch je mehr er rührte, desto heller wurde das Feuer und desto mehr loderten die Flammen in die Höhe. Da wurde mir ganz gräßig zumute und ich sprang aus dem Flurfenster auf den Hof. Dort lag aber gerade der Kettenhund. Dieser erschrak und packte mich an einem Bein. Im ersten Augenblick dachte ich, der Düwel habe mich am Hacken. Aber dann beruhigte ich den Hund wieder und ging in die Haubuß, wo mein Bett stand. Im Bett überdachte ich mein Erlebtes und merkte, wie dumm ich doch gewesen war, denn hätte ich meine Mütze oder irgendeinen anderen weichen Gegenstand in die Kohlen geworfen, so hätte ich am anderen Morgen einen großen Schatz einheimsen können. Aber noch dümmer war es, dass ich mein nächtliches Erlebnis am anderen Morgen dem Bauern erzählte. Der Bauer nämlich hatte sich die Sache zunutze gemacht und den Schatz gehoben. Nach einiger Zeit war nämlich Geld in Hülle und Fülle vorhanden, die Gebäude wurden nach und nach neu aufgeführt sowie neue und starke Pferde und gute Milchkühe angeschafft. Leider bin ich leer ausgegangen, aber das Arbeitsleben ist dann etwas einfacher und besser geworden.


Von den Unterirdischen

Rügens knorrige Bäume

Was passiert, wenn man sich auf Rügen mit den Unterirdischen einlässt, berichtet die Sage über den „Falscheid“.

In Lancken, gar nicht weit vom Wald Granitz, wohnte einmal ein Bauer, mit dem Namen Matthes Pagels. Seine Behausung lag nun etwas abseits vom Dorfe, aber dicht am Waldesrande, wo es sehr einsam und still war. Mattes Pagels war nun ein sehr tüchtiger Mann und die Leute hielten ihn für reich. Manch einer munkelte sogar, er sei ein Hexenmeister. Doch wurde auch schon so manch anderer dafürgehalten, der seinen Verdienst und sein Geld auf natürliche Weise erwarb, nämlich mit seiner fleißigen Hände Arbeit. Aber eines Tages bekam der Bauer Pagels Streit mit seinem Nachbarn, weil der ihn beschuldigte, er pflüge ihm an seinem Acker die Seite ab. Das hatte Pagels wirklich getan, doch er wollte es nicht wahrhaben.

Der sonst doch so stille Mann fluchte und schwor, das Ackerstück gehöre ihm in seiner ganzen Breite. Und sogar noch zehn Schritte weiter, und ganz gewiss bis zu der hohen Buche, die oben am Waldesrain stehe. Dem Pagels konnte man nichts anhaben und der Nachbar musste sich damit zufriedengeben. Pagels hatte sich nämlich mit den kleinen schwarzen Unterirdischen eingelassen, die ihm die passenden Papiere verschafft hatten. So hatte Pagels einen falschen Eid geschworen, wodurch nun der Acker sein geworden war.

Mattes Pagels aber hatte schon zu seinen Lebzeiten die Strafe dafür bekommen, denn die kleinen bösen Geister ließen ihm weder Rast noch Ruh. Immer und immer trieb es ihn um Mitternacht aus seinem Bette. Zuerst musste er auf dem Acker herumwandeln und dann auch noch auf die hohe knochige Buche klettern, wo er dann noch zwei volle Stunden aushalten und mächtig frieren sollte.

Zuweilen kann man ihn noch da oben hocken sehen in einem grauen Rock, seine Schlafmütze auf dem Kopfe. Aber gewöhnlich sitzt er wie eine Eule auf dem Baum und schreit ganz kläglich und jammervoll. Kein Mensch kommt dieser hohen Buche gerne zu nahe. Selbst kein Pferd ist auf dem Wege an ihr vorbeizubringen. Vielmehr geht es selbst mit dem besten Reiter durch und läuft querfeldein. So manch alte Leute mögen sich noch heute an das Liedchen von Pagels und seiner hohen Buche erinnern:

„Pagels mit de witte Mütz,
wo koold un hoch is din Sitz!
Up de hoge Bök un up de kruse Eek
Un achter`m hollen Tuun –
Worüm kannst du nicht ruhn?“
„Darüm kann ick nich rasten:
Dat Papier liggt im Kasten,
un mine arme Seel brennt in de lichte Höll“


Über besondere Glocken

Glocken sind von ihrem Klang oder ihrer Größe her immer etwas Besonderes im Bewusstsein der Menschen, so auch auf Rügen. Und hierzu gibt es auch ein paar Geschichten zu berichten.

Die Glocke zu Zarnekow

Auf der Feldmark von Zarnekow bei Lancken stießen einstmals Bauern beim Pflügen auf einen harten Gegenstand. Sie dachten anfangs, es wäre ein Stein, und fingen an, denselben auszugraben. Bald aber merkten sie, dass es eine Glocke war und nun holten sie Vorspann, um dieselbe aus der Erde herauszuziehen. Dies gelang jedoch nicht, obgleich sie zuletzt sechzehn Ochsen vorgespannt hatten. Nun trug es sich zu, dass eine feine Dame herzukam und den Bauern einen seidenen Faden gab. Diesen zogen sie durch den Ring der Glocke und nun konnten sie diese mit Leichtigkeit herausziehen. Wo nun diese Glocke später geblieben ist, weiß bis heute niemand zu berichten.

Die Glocke auf Zudar

Auch auf Zudar haben sie einmal eine Glocke gefunden, die stand eines Morgens in der Brandung des Meeres. Nun hatte diese Glocke in so wunderlichen Buchstaben eine Inschrift, dass nah und fern sie keiner lesen konnte. Als sie die Glocke in die Kirche von Zudar führen wollten, merkten sie bald, dass keine Menschenmacht ausreicht, sie von der Stelle zu bringen. Dann kam ein alter Mann daher, den niemand kannte und von dem man auch nicht wusste, woher er kam. Der sah die Inschrift und las sie mit lauter Stimme vor: „Hebe dich auf, Hosianna!“ Und von Stund an ließ sich die Glocke rühren und führen.

Die Glocke von Lubkow

Im Lubkowschen Moor an der Prora hüteten nachts einst Pferdehirten. Sie hatten sich zum Schlafen hingestreckt und als sie erwachten, lag zu den Füßen eines jeden von ihnen ein Strick. Als sie diesen ergriffen, merkten sie, dass die Stricke in die Erde gingen. Sie zogen und zogen. Es ging auch ganz leicht und es währte auch nicht sehr lange, da sahen sie eine große Glocke aus dem Moorgrund an die Oberfläche herauskommen. Durch diese Erscheinung nun schrie einer der Hirten so vor Verwunderung auf. Woraufhin mit einem Male die Glocken und Stricke verschwanden. Die Stricke und die Glocke sah man nimmer mehr wieder.

Die Glocke von Vilmnitz

In der Vilmnitzer Kirche hängen zwei Glocken. Die größere von beiden, so erzählt man sich, solle einst in der Ostsee getrieben haben und vom Meer an die Küste gespült worden sein. Dort wurde sie dann geborgen und dann in der Vilmnitzer Kirche aufgehängt.


Mehr von Rügens Sagenwelt

Der bekannte Erlebnis- und Naturführer René Geyer verfasst regelmäßig für das Urlaubermagazin Urlaub à la Rügen eine Kolumne über Pflanzen sowie über Sagen der Insel Rügen.

Seit 2004 können sich Gäste und Einheimische bei seinen abwechslungsreichen Touren mit allerhand Wissenswertem die natürlichen Schönheiten dieser Inselregion erklären lassen. Ob bei archäologischen Führungen zu den bekanntesten Großsteingräbern Rügens, bei seinen Kräuterführungen in den Zicker Bergen oder bei seinen legendären Sagenwanderungen, lässt René Geyer Euch die Natur Rügens aktiv erleben.

Alle Termine findet Ihr bei bald wieder bei uns im Veranstaltungskalender, der auch in der Rügen-App und im Urlaubermagazin Urlaub à la Rügen erscheint, sowie unter www.naturgeyer.de

Hier erfahrt Ihr mehr über René Geyers Reihe Rügens Wildkräuter im Herbst und im Winter.

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Eva-Maria

Eva-Maria

Mit ihrem geschulten Rügen-Kennerblick erkundet Eva-Maria gern mit ihrer Familie die ganze Insel und zeigt Euch ihre Lieblingsplätze. Im Südosten der Insel Rügen verbrachte sie ihre Bullerbü-Kindheit und ging dann zum Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften nach Wien. Vom Land in die Stadt, vom Meer auf den Berg: nach diesem Kontrastprogramm hat sie wieder auf Rügen Fuß gefasst. Was sie mit Rügen verbindet? Heimat, die tägliche Dosis Meer und ein Gespür für die Eigenarten der Rüganer, die trotz kühlem Wesen ein großes Herz für ihre Insel haben.