Rügen-Sagen zum Gruseln und Staunen

Gut gegen Böse, Verrat und Missgunst, Sieg und Fall, Naturgewalten und besondere Erscheinungen: mit solchen Erzählungen haben seit Anbeginn der Zeit die Menschen versucht, sich die Welt zu erklären. Mit knapp 800 Sagen, die der bekannte Volkskundler Prof. Dr. A. Haas Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat, gilt Rügen als eine der sagenreichsten Regionen Deutschlands! Bis heute werden diese volkstümlichen Geschichten überliefert, die wir auch Euch gern erzählen würden! Doch Vorsicht, manche Sage hat es in sich!


Sagen über Hünen- und Hügelgräber

Herbstsagen Rene Geyer Huehnengraeber inselzeitung | Inselzeitung Rügen
© René Geyer

Über die Hügelgräber Rügens – früher wurden Großsteingräber und Hügelgräber Hünengräber genannt – werden heute noch Hünensagen erzählt, die uns immer wieder aufs Neue faszinieren. Und dies sind die bekanntesten Sagen zu diesen außergewöhnlichen Orten.

Der Riese von Jasmund

In alten Zeiten lebte auf der Halbinsel Jasmund ein Riese, der hieß Scharmak und hatte zu Koosdorf sein Schloss. Wenn er nun seine Geliebte besuchen wollte, die auf Rügen wohnte, musste er immer durch das Wasser waten. Nun, das gefiel dem Riesen nicht sehr. Er füllte also in der Stubnitz einen Sack voll Erde, um die See zuzuschütten, die ihn von seiner Geliebten trennte. So sind dort, wo er die Erde genommen hatte, „die Wiwergründe“ entstanden. Als er mit seiner Last unterwegs war, riss ein kleines Loch in den Sack und aus der durchgeschlüpften Erde entstand der Dobberworth, jenes mächtige Hünengrab bei Sagard. Als er weitergelaufen war und eine gute Strecke vorwärts kam, wurde der Riss immer größer, so dass alle Erde durchschoss. Daraus sind die heutigen Fährberge geworden. Mürrisch und unzufrieden ließ er von dem Vorhaben ab. 

Die Grabhügel von Prosnitz

Über den Himmel von Prosnitz wird nun folgende Sage erzählt: Auf der Feldmark des Gutes Prosnitz befindet sich eine kleine, mit Laubholz geschmückte Anlage, welche drei nahe beieinander gelegene Hünengräber umfasst. Diese werden im Volksmund Himmel von Prosnitz genannt. Dort, in dem mittleren Hügel, soll ein Herzog, der Letzte seines Geschlechtes, und in den anderen beiden Grabhügeln seine beiden Gemahlinnen begraben sein.

Das Hünengrab von Posewald

Auch bei dem bekannten Hünengrabe „Der Blocksberg“ bei Posewald wird Sagenhaftes berichtet: Östlich vom Gutshofe Posewald liegt ein Hünengrab, das “der Blocksberg” genannt wird. Dieser Name rührt daher, dass man sagte, in der Walpurgisnacht sollen alle Hexen aus der Umgebung herbeikommen und sich auf dem Hügel versammeln.

Der Fliederberg von Lonvitz

Bei Lonvitz liegt das Hünengrab „Fliederberg“. Seit vielen Jahren weiß man, dass es auf ihm nicht geheuer sein soll. Als einmal ein Mann aus Lonvitz am Fliederberg vorbeiging, befand er sich urplötzlich in einer Schafherde. Einem anderen Manne, der zur Nachtzeit nach Putbus gehen wollte, sah bei dem Hünengrabe einen Mann im schwarzen Mantel und eine Frau in einer weissen Kleidung miteinander tanzen. Nach der Mitternachtsstunde war aber plötzlich alles verschwunden. Andere Leute erzählten, dass des Abends die Katzen auf dem Fliederberg sitzen und dort Karten spielen sollen.

Das Hünengrab bei Lauterbach

An der Bahnstrecke Putbus – Lauterbach liegt ein Hünengrab, dass im Volksmund „de Adeborseek“ (die Storcheneiche) heißt. Aus der Mitte des Hünengrabes ist eine uralte Eiche gewachsen, auf der ein Storchennest steht. Heute steht die Eiche dort leider nicht mehr. Unter diesem Hünengrab soll seit alter Zeit ein mächtiger Schatz begraben liegen, der aber so tief in der Erde liegt, dass niemals ein Mensch ihn heben kann.

Hünengräber zur Totenbestattung bei den alten Rügianer

Als die Menschen auf Rügen früher noch nicht den Wissensstand über unsere Hügel- und Hünengräber hatten, erklärte man sich deren Entstehung auch in so mancher Sage.

Von den alten Wenden, welche früher auf Rügen gewohnt haben, wird erzählt, dass sie ihre Toten nicht einzeln, sondern immer in größerer Zahl, wenigstens aber paarweise beerdigt haben. Wenn dann jemand bei ihnen starb und es war nicht gleich eine zweite Leiche in der Familie oder im Dorfe vorhanden, so wurde der Leichnam über dem Herdfeuer aufgehängt und geräuchert, so dass er ganz zusammenschrumpfte beziehungsweise mumifiziert wurde. Auf diese Weise nun hielt sich der Leichnam Wochen und Monate lang, ja bisweilen Jahre lang. Es konnte so abgewartet werden, bis ein neuer Todesfall in der Sippe eintrat. Andere meinen, dass nicht die Wenden, sondern die steinzeitlichen Bewohner Rügens die Sitte des Leichenräucherns ausgeübt hätten.

Bei den Hünengräbern fanden dann zu Ehren der Verstorbenen drei Totenfeiern statt und zwar am 30., 60., und 100. Tage nach der Bestattung. Die Angehörigen versammelten sich am Grabhügel und schmausten dort und setzten auch dem Verstorbenen seine Portion ins Grab. Der Schlussstein der Grabkammer blieb so lange nur lose eingefügt. Aber nach dem 100. Tage wurde dann auch dieser endgültig eingesetzt und so befestigt, dass er nicht leicht herauszuheben war.

Die Hügelgräber von Buschvitz

Die sieben Hügel bei Buschvitz sind von sieben Riesen dahin getragen worden. Die Riesen haben die Lietzower Fähre zuschütten wollen und ihre Schürzen voll Erde gefüllt. Als sie aber an die Feldmark kamen, auf der später Buschvitz erbaut wurde, ist die Sonne untergegangen und da haben sie ihre Last nicht weitertragen können, sondern haben sie dort niederwerfen müssen. Daraus sind nun die sieben großen Hügel entstanden.


Spuk auf Wittow

Herbstsagen Rene Geyer Kinnerdiek inselzeitung | Inselzeitung Rügen
© René Geyer

In der Nähe von Lankensburg auf Wittow, links vom Wege Wiek-Altenkirchen, liegt ein Teich, der wegen seiner vielen Spukgeschichten verrufen ist. Das ist der sogenannte „Kinnerdiek“. Vor vielen Jahren soll dort ein Mädchen ihr Kind umgebracht und sodann in den Teich geworfen haben. Dieser Teich erhielt daher den Namen „Kinnerdiek“ und an seinem Ufer geht es seit dieser Zeit um. Ein Schimmel ohne Kopf treibt dort am Ufer sein Unwesen und erschreckt die Wanderer, die des Nachts die in der Nähe vorbeiführende Landstraße benutzen.

Als eine Frau an einem Tage im Nebelmond von Altenkirchen nach Wiek ging, hörte sie in der Nähe des Kinnerdiek ein plötzliches und eigentümliches Rauschen, das etwa 5 Minuten andauerte. Es schien, als ob eine große Menge von Pferden im Galopp durch hochstehendes Getreide lief. Die Frau wusste, dass man sich nach dem Spuk nicht umsehen durfte. Diesen Rat befolgte sie jetzt auch und darum konnte sie nicht sehen, wodurch dieses Geräusch verursacht wurde. Aber plötzlich war das Rauschen dicht hinter ihr, stieg dann hoch in die Luft und verlor sich dann allmählich in der Ferne. Die Frau hatte die ganze Zeit ein beklommenes Gefühl, große Angst und war wie im Schweiß gebadet.

Wieder einmal gingen Vater und Tochter von Wiek nach Putgarten. Als sie sich der Lankensburger Feldmark näherten, kam ihnen der kopflose Schimmel entgegen. Die Tochter konnte ihn zwar nicht sehen, desto deutlicher aber sah ihn der Vater. Der Schimmel lief immer neben dem Weg her und hielt sich stets in gleicher Höhe mit den beiden Wanderern auf. Als sie an die Kreuzung kamen, wo links der Weg nach Gudderitz abgeht, war der Schimmel plötzlich verschwunden. Erleichtert atmeten sie auf, weil sie meinten, nun wären sie beide den Spuk los. Aber als sie Altenkirchen eben hinter sich gelassen hatten, war auch schon der Schimmel wieder da. Dieser trabte etwa zehn Schritte von ihnen entfernt durch den dort stehenden Hafer. Kurz vor Presenke verschwand er noch einmal wieder, aber dicht hinter diesem Gut war er auch wieder da. So ging es weiter bis sie beide nach Wollin herankamen. Inzwischen war es zwei Uhr morgens geworden und am östlichen Horizont fing das Frührot schon an zu dämmern. Dicht vor Wollin, wo der Weg nach Nobbin sich abzweigt, verschwand der kopflose Schimmel. Als der Mann nach Hause kam, sah er aus wie der Kalk an der Wand, der Angstschweiß stand noch auf seiner Stirn.


Untergang der Stadt Niniveh

Herbstsagen Rene Geyer Niniveh inselzeitung | Inselzeitung Rügen
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Von jeher erzählt man sich an den Küsten Geschichten über verschwundene Orte an der See. So auch die Sage von der Stadt Niniveh.

Zwischen der Insel Greifswalder Oie und der Insel Ruden hat eine Stadt gelegen, die Niniveh oder – nach anderen Überlieferungen – Vineta genannt wurde. In dieser Stadt wohnte ein übermütiges Volk. So hatte einst eine Frau, um trockenen Fußes über den Wasserlauf schreiten zu können, aus viel Übermut Brot hineingeworfen, so dass es unseren Herrgott verdross. Er hat daraufhin sieben Jahre lang Ostwind wehen lassen und so ist Thiessow vom Ruden und der Ruden vom Pommerschen Festlande losgerissen worden. Auch der Zicker vom Vilm und der Vilm vom Putbuser Lande ist abgerissen worden und die sündige Stadt ist mit allem, was an Herrlichkeit da drinnen war, abgesoffen und untergegangen. Jedoch wurde beim Untergang der Stadt einer gerettet, weil dieser immer gottesfürchtig war. In der Nacht, als der Mann schlief, zupfte es ihn an den Zehen und eine Stimme rief: „Komm mit!“ So ist der Mann aufgestanden und hinausgegangen. An der Tür seines Hauses hat ein Schimmel gestanden. Als er sich auf diesen geschwungen hatte, ist er schnell weggeritten. Während er vorwärts geritten ist, haben die großen Wasserwogen hinter ihm hergestürmt. Dieser Mann konnte aber entkommen und von ihm stammt das Volk ab, das jetzt auf Mönchgut wohnt. Erst viel später haben die Fischer die Glocken der verschwundenen Stadt Niniveh aus der Tiefe gezogen und diese Glocken sind es, die noch heutigentags in der Middelhagener und in der Krösliner Kirche hängen. Alle Beide, so sagen die Leute, haben einen absonderlichen Klang.

In stürmischen Nächten oder auch an Tagen an denen die stürmische See an die Küsten peitscht, erinnern sich die Küstenbewohner auf Rügen an die Stadt Niniveh. Die einfachen Leute in den Fischerdörfern erzählen die Geschichte dieser Stadt den Kindern und Enkelkindern, die staunend den Geschichten zuhören, aber auch angehalten werden sollen, ein fleißiges und einfaches Leben zu leben.


Drei Geschichten über Hellseherei

Herbstsagen Rene Geyer Hellseher inselzeitung | Inselzeitung Rügen
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Noch heute berichtet man über Leute mit der besonderen Gabe, Dinge vorauszusehen. Diese drei Geschichten werden besonders häufig erzählt.

1. Der Hellseher von Wittow

Ein Mann von Wittow, der aus der Stubnitz Holz geholt hatte, hielt im Dorfe Hagen am Hause eines Bauern an. In dem Augenblick sah er – niemand weiter hat es sehen können – wie ein Kind eilends aus dem Hause gerannt kam und auf dem Weg nach Sagard verschwand. Der Fremde erschrak sichtlich und erkundigte sich, ob jemand im Dorfe krank geworden sei. „Nein“, lautet immer die Antwort. „Und doch“, setzt er hinzu, „wird heut hier noch jemand sterben!“ Und an diesem Tage ward nun das Kind des Bauern an der Bräune krank und vor dem Abendrot eine Leiche. Dieser Mann hatte die Gabe vorauszusehen und hinterdrein hat er erzählt, was er an diesem Tage sah.

2. Die Musikkapelle

Hier wird nun berichtet von der Vorherverkündung eines Todesfalles: In Trent gab es vor vielen, vielen Jahren eine Musikkapelle aus einem Schuhmacher, einem Weber und seinen Gesellen. Eines Tages spielten sie auf einer Hochzeit in Trent auf, wo es sehr lustig zuging. Doch plötzlich wurde der Schuhmacher kreideweiß im Gesicht und ohne ein einziges Wort zu sagen stand er auf und ging von dannen. Als er nach Hause gekommen war, erzählte er, er sah mitten in dem frohen Hochzeitsjubel plötzlich einen Leichenzug vorüberziehen. Und in dem Sarge habe er seinen Kameraden, den Weber, liegen sehen. Man versuchte nun dem Schuhmacher einzureden, er habe sich wohl getäuscht, jedoch ließ er sich nicht dazu bewegen, zur Hochzeit zurückzugehen und weiterzuspielen. Zwei Tage später wurde der Weber krank und verstarb auch schnell danach.

3. Die Frau in Trent, die Tode voraussah

Leute, die zu gewissen Zeiten im Jahr geboren werden, können mehr sehen als andere Menschen. So auch eine Frau im Witwenhaus zu Trent. Sie wusste immer acht Tage vorher, wenn jemand starb, auch wenn der Betreffende nicht in dem Kirchspiel wohnte. Nun befindet sich in Trent das Erbbegräbnis einer alten, adeligen Familie, welche ihren Wohnsitz in Putbus hat. Starb ein Mitglied der Familie, so wird die Leiche jedes Mal nach Trent geschafft und im dortigen Gewölbe beigelegt. So oft nun aber ein solcher Fall eintrat, sagte die Alte regelmäßig einige Tage vorher zu dem Küster: „T kümmt bald wat äwer Land, un`t is`n bäten mihr as all`Dag!“ Wenn man sie fragte, wie sie das wohl voraussagen könne, gab sie stets unbestimmte oder auch ausweichende Antworten. Nur ein einziges Male hat sie jemandem, der sie danach fragte, geantwortet, dass es ihr zu Füßen läge wie ein Maulwurfshaufen.


Vier Sagen über Tierdämonen

Herbstsagen Rene Geyer Tierdaemonensagen inselzeitung | Inselzeitung Rügen
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Man erzählt sich noch heute über Tiere Sagenhaftes. Doch diese Tiere sind keine gewöhnlichen, sondern gehören fast schon zu den dämonenhaften Tieren und dementsprechend sind diese Sagen auch manchmal etwas schaurig.

1. Der Roggenwolf

Schon unsere altvorderen Bauern berichten von dem gefräßigen „Roggenwolf“. Wenn das Korn reif ist zum Mähen und die Schnitter daran gehen, in den Schlag „einzuhauen“, müssen sie sich vor dem gefräßigen Roggenwolf in Acht nehmen. Dieser soll ihnen allerlei Schabernack spielen, aber besonders gern die Frühstücks- oder Vesperbrote, die sie während der Arbeit sicher verborgen glaubten, verzehren. Nur wenn der ganze Schlag abgemäht ist, räumt der „Roggenwolf“ das Feld. Wo er dann aber bleibt, das weiß kein Mensch anzugeben. Der Roggenwolf – so sagen die Leute – sei außergewöhnlich gefräßig und diese seine Sucht ist sogar sprichwörtlich geworden. Denn man pflegt von jemandem, „de recht niedsch ett“ (neidisch, d.h. gierig isst), zu sagen: „he frett as´n Roggenwulf“. Ebenso heißt es von jemandem, der „lud´Hals´weent“ (heftig weint): „He brüllt as´n Roggenwulf“ oder „he roart as´n Roggenwulf“.

2. Der Lindwurm von Rambin

Eine andere Sage berichtet über einen Lindwurm Folgendes: Vor Rambin ritt einst ein Edelmann aus der Umgebung spazieren. Nun kam ein gewaltiger Lindwurm auf ihn zu und versuchte seinen „Angel“ dem Pferd in die Brust zu bohren. In seiner Not flehte der Edelmann zu Gott und gelobte, wenn er von dem Untier befreit würde, so wolle er an der Stelle ein Kloster erbauen. Er ergriff einen Dolch und als der Lindwurm nahe genug herangekommen war, traf er ihn so glücklich, dass das Untier tot zu Boden fiel. Zum Danke für diese Errettung und um nun sein Gelübde zu erfüllen, ließ er dann das noch jetzt stehende Rambiner Kloster erbauen.

3. Die Schlangen von Schoritz

Bei Schoritz erzählt man sich folgende Begebenheit: Ein paar mächtige, goldige Schlangen oder Wasserschlangen sollen zu Schoritz in einem großen Teich hinter der Scheune gehaust haben. Gelegentlich haben sie dann die Milch von den Kühen gesogen.

4. Eine Hexe als dreibeiniger Hase

In der Nähe von Teschvitz bei Gingst zeigte sich vor einer Reihe von Jahren zuweilen ein zahmer Hase. Besonders häufig erschien er zu der Zeit, wo die Mädchen zum Melken der Kühe gingen. Sobald sich ein Mädchen zum Melken hingesetzt hatte, kam er ganz nah heran und berührte mit seiner Schnauze die Kuh. Diese wurde dadurch aber so wild, dass sie sich nicht melken lassen wollte. Die jungen Mädchen beklagten sich deshalb mehrmals bei ihrem Herrn und dieser beschloss, den Hasen abzuschießen. Das gelang aber nicht, denn sowohl er als auch der Wirtschafter schossen immer vorbei. Endlich wurde eine alte Frau zu Rate gezogen. Die sprach: „Sull’t ok woll’n Dreebeenigen sin? Denn nützt juch dat Scheeten niks.“

Nun gab man genauer Acht und sah dann auch wirklich, dass der Hase nur drei Beine hatte. Also musste es eine Hexe sein, welche sich immer in Hasengestalt verwandeln konnte. Bald lenkte sich der Verdacht auf eine alte Frau, welche im Konitzer Katen wohnte.

Eines Mittags begab sich der Herr nach dem Hause dieser Frau, fand sie aber nicht Zuhause. Da versteckt er sich in der Wohnung, um abzuwarten, ob er die alte Hexe nicht überführen könnte. Er brauchte auch nicht lange zu warten, denn bald darauf hüpfte der Hase wohlgemut über die Schwelle des Hauses und verwandelte sich allmählich wieder in die alte Frau.

Nun stellte der Herr sie zur Rede und sie gestand dann auch, dass sie eine Hexe sei, aber sie sagte, sie könne nicht anders. Sie habe sich schon als kleines Kind in einen Hasen verwandeln müssen. Die Verwandlung geschehe vermittels eines Riemens, den sie geerbt habe. Nach diesem Geständnis musste die alte Hexe schleunigst die Wohnung verlassen und sie hat sich in der Gegend auch nie wieder sehen lassen.


Wie entstand die Insel Vilm?

Herbstsagen Rene Geyer Totenbestattung inselzeitung | Inselzeitung Rügen
© René Geyer

Durch den selben starken Orkan, welcher einst die reiche Stadt Vineta vernichtete, wurde der Vilm, welcher damals noch mit dem Hauptteil Rügens verbunden war, von demselben losgerissen. Zuerst entstand ein sehr schmaler Wassergraben, auf dem die Altvorderen auf hineingeworfenen Pferdeschädeln hinüberschreiten konnten. Das war so in der Gegend zwischen der Goor und der äußeren Nordspitze des Vilm. Mit der Zeit wurde der Wasserarm aber immer breiter.

Eines schönen Tages waren nun die Bewohner der Insel Vilm nach Vilmnitz zur Kirche gegangen. Als nun aber die Leute von dort nach Hause zurückkehren wollten, hatte eine Flut die Landzunge durchbrochen und es war eine breite Öffnung entstanden. Schnell kehrten sie um, kauften sich für einige Zeit eine große Menge an Brot und Semmeln und kamen dann noch gerade rechtzeitig wieder zu der Durchbruchstelle. Sie schritten hastig über das Wasser, das breiter und tiefer wurde. Von diesem Tage an wurde diese Landzunge immer weiter fortgespült. Inzwischen ist das Wasser zwischen der Nordostseite des Vilm sowie der Küste Rügens über einen Kilometer breit.

Auf jener Insel Vilm existierte in katholischer Zeit eine Kapelle. Nach der Reformation blieb diese Kapelle unbenutzt und wurde im 18. Jahrhundert gänzlich abgebrochen. Über das Warum erzählt man sich heute noch: Eine Kuh habe sich einst in das Innere der Kapelle verirrt und dann sei die schwere Tür hinter ihr in das Schloss gefallen. Da aber die Insel Vilm zu diesem Zeitpunkt unbewohnt war, so habe die Kuh nicht wieder herauskommen können und verhungerte. Wegen dieses Ereignisses sei dann die Kapelle gänzlich abgebrochen worden.


Sage über den wilden Jäger von Rügen

Herbstsagen Rene Geyer wilder jaeger Granitz Hohlweg inselzeitung | Inselzeitung Rügen
© René Geyer

Unter den mythischen Sagengestalten nimmt der sogenannte „Wilde Jäger“ oder auch „Wode“ genannt, was wiederum von Wotan kommt, einen großen Raum ein. Auch ist er überall auf der Insel anzutreffen.

Vor einer sehr, sehr langen Zeit gab es einen mächtigen Fürsten und dieser soll große Wälder und Burgen, Schlösser und Dörfer besessen haben. Am meisten liebte er die Jagd und lebte daher mehr in seinen Wäldern als auf seinen Burgen und Schlössern. Da er aber eines jähen und wütenden Gemütes und ein rechter Zwingherr war, ging er mit seinen Untertanen auch so um. Man erzählt sich, er habe einen Knaben, der sich in seinen Wald verirrte, auf einen weißen Hirsch gebunden und beide so durch den Wald getrieben, bis beide sich zu Tode stürzten. Für solche gräulichen Taten hat der ungeheure Mann dann endlich auch seinen Lohn bekommen müssen. Er stürzte sich eines Tages mit seinem Pferd bei der Jagd zu Tode. Seine Strafe sollte sein, dass er nach dem Tode im Grabe keine Ruhe finden würde, sondern die ganze Nacht – ob Sommer oder Winter – von Mitternacht bis eine Stunde vor Sonnenaufgang wie ein wildes Ungeheuer jagen muss.

Besonders in den stürmischen Nächten hört man sein fürchterliches Getose und Geheul mit seinem Ruf: “Wod! Wod! Hallo! Hallo! Halt den Mittelweg! Halt den Mittelweg!” Er soll gar fürchterlich anzusehen sein und auch fürchterlich ist sein Gefolge. Er ist ein hagerer Mann in eiserner Rüstung, wobei Zorn und Grimm in seinen Augen funkeln. Sein Pferd ist ein schneeweißer Schimmel aus dessen Nüstern Funken sprühen. Immer geht es im Galopp und er ist vorne übergebeugt. In der Rechten hält er eine lange schwarze Peitsche, mit der er sein Wild aufjagt und um ihn herum ist eine große Meute schwarzer Hunde, die ein fürchterliches Getose und Geheul von sich gibt.

Man erzählt sich, er müsse durch wilde Wälder und öde Heiden reiten, denn in der Mitte der ordentlichen Straßen und Wege darf er nicht reiten. Was erjagt nun der Wilde Jäger? Unter den Tieren, so berichtet man, das diebische und räuberische Gesindel, das nachts auf Mord und Beute schleicht. Unter den Menschen Mörder, Diebe, Räuber, Hexen und Hexenmeister und alles was von dunklen und nächtlichen Künsten lebt. So hält er, wie die Leute sagen, die Straßen rein, denn wehe dem, den er bei nächtlichem Raubzug auf verbotenen Schleichwegen oder im Walde antrifft und der nicht reinen Gewissens ist! Dann muss dieser Bösewicht nach seinem Tode gewissermaßen wieder gut machen, was er zu Lebzeiten Böses getan hat. Wenn irgendwo Sturm aufkommt, so sagt man, ist der Wilde Jäger nicht weit!

Der Wilde Jäger ist auf Rügen z.B. zwischen Zirkow und Hagen, in der Granitz, in der Garzer Heide, bei Binz am Schmachter See, bei dem Dorfe Kasnevitz, bei Neuenkirchen, bei Lankensburg auf Wittow sowie auf Mönchgut lokalisiert. Diese Liste ließe sich auch noch fortführen. Überall dort jagt und erschreckt er Mensch und Tier mit seinem Auftreten.

Naturfuehrer Rene Geyer inselzeitung | Inselzeitung Rügen
© René Geyer

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit René Geyer.

Der auch als „Kräuter-Geyer“ bekannte Erlebnis- und Naturführer verfasst regelmäßig für das Urlaub à la Rügen – Magazin eine Kolumne über Kräuter- oder Blumenpflanze sowie über Sagen der Insel Rügen.

Seit 2004 können sich Gäste und Einheimische bei seinen abwechslungsreichen Touren mit allerhand Wissenswertem die natürlichen Schönheiten dieser Inselregion erklären lassen. Ob bei archäologischen Führungen zu den bekanntesten Großsteingräbern Rügens bei Lancken-Granitz, bei seinen Kräuterführungen in den Zicker Bergen oder bei seinen legendären Sagenwanderungen, René Geyer lässt Euch die Natur Rügens aktiv erleben.

Ihr interessiert Euch auch für Rügens Wildkräuter? Dann schaut mal hier rein.

Alle Termine findet Ihr bei uns im Veranstaltungskalender und unter www.naturgeyer.de.