Fesselnde Rügen-Sagen im Spätsommer

Rügen ist mit vielen vorgeschichtlichen Denkmälern gesegnet. Viele dieser Volkssagen haben Spannendes von außergewöhnlichen Orten zu berichten. Hünengräber etwa kommen immer wieder in Erzählungen vor. Lest mehr über Rügens sagenhafte Welt und wie man diese am besten erkundet.

Der brennende Schatz

© René Geyer

Ein im Jahre 1803 geborener Arbeiter bei Putgarten berichtete aus seiner Jugend. Er diente als Junge bei einem Bauern in Putgarten. Dem Bauern ging es ziemlich dürftig, denn sein Vieh war mager und die Gebäude ziemlich baufällig.

Außer ihm dienten noch zwei Knechte und drei Mägde auf seinem Hofe. Eines Abends war er in der Leutestube eingeschlafen und die Knechte und Mägde gingen zu Bett ohne ihn aufzuwecken. In der Nacht wachte er von selber auf und sah plötzlich nebenan in der Küche ein helles Lichtlein brennen.

Er dachte, es wären die Mägde, die vielleicht etwas länger aufgeblieben wären. Und da kam ihm der Gedanke, die Mädchen erschrecken zu wollen und schlich so leise an die Küchentüre heran. Aber er erschrak als er in die Küche hineinblickte! Da saß an der Erde ein kleiner Mann mit einem großen Hut und rührte mit einem Stock in der vor ihm liegenden Kohle. Doch je mehr er rührte, desto heller wurde das Feuer und desto mehr loderten die Flammen in die Höhe. Der Junge sprang vor Schreck aus dem Flurfenster auf den Hof. Dort lag aber gerade der Kettenhund. Dieser erschrak und packte den Jungen an einem Bein. Im ersten Augenblick dachte ich, der Düwel habe mich am Hacken. Aber dann beruhigte sich der Hund wieder, so dass der Junge davonkam. Im Bette überdachte er sein Erlebtes und merkte, wie dumm er doch gewesen war. Hätte er seine Mütze oder irgendeinen anderen weichen Gegenstand in die Kohlen geworfen, so hätte er am anderen Morgen den ganzen Schatz einheimsen können.

Aber noch dümmer war es, dass er sein nächtliches Erlebnis am anderen Morgen dem Bauern erzählte. Der Bauer nämlich hatte sich die Sache zunutze gemacht und den Schatz gehoben. Nach einiger Zeit war nämlich Geld in Hülle und Fülle vorhanden, die Gebäude wurden nach und nach neu aufgeführt sowie neue und starke Pferde und gute Milchkühe angeschafft.

Der gespenstische Leichenzug

© René Geyer

Vor gut 100 Jahren wurde eine Hebamme zu Wiek auf der Halbinsel Wittow eines Abends nach dem Ort Dranske gerufen. Um den weiten Weg nicht ganz allein gehen zu müssen, nahm sie ihren Ältesten als Begleiter mit: den damals etwa zehnjährigen Sohn mit Namen Theodor. Als nun beide die sogenannte Weidenmühle, ein ausgebautes Mühlengehöft von Wiek auf dem Wege nach Starrvitz erreicht hatten, drängte sich der Junge an seine Mutter heran. Der Sohn fasste ihre Hand und versuchte sie auf die andere Seite des Weges zu ziehen. Die Mutter aber sagte darauf nur: Jung, ick gar hier jo ganz god!“ Während sie das sagte, stolperte sie auch schon und fiel der Länge nach hin.

Nach einer Viertelstunde sprach der Junge: Mudder, ick wull di di Siet tehn; du sußt nich midden dörch den Liekentog gahn. Äwer du gingst grad dordörch un büst äwer den Sarg stolpert un henfollen.“ (Übersetzung: „Mutter, ich will dir zur Seite stehen. Du sollst nicht mitten durch den Leichenzug gehen. Aber du gingst grade dadurch und bist über den Sarg gestolpert und hingefallen“) Seine Mutter antwortete: „Wecken Liekentog meenst du?“ (Übersetzung: „Welchen Leichenzug meinst du?“). Ihr Sohn antwortete mit leiser Stimme: „Hest du nichts sehn? Ick heww`n Liekentog mit´n Sarg un Pastor un väle, väle Folgers dorachter sehn; de ging bi de Weidenmähl quer äwer de Strat weg.“ (Übersetzung: „Hast du nichts gesehen? Ich habe einen Leichenzug mit Sarg und Pastor und vielen, vielen Gefolgsleuten dahinter gesehen. Sie gingen bei der Weidenmühle quer über die Straße hinweg.“) Seine Mutter hatte von alledem nichts gesehen.

Der Gespensterzug

Ein Müllergeselle, der auf der Schmantevitzer Mühle beschäftigt war, fuhr eines Nachts mit einem Einspännerfuhrwerk nach Wiek zur Apotheke. Als er auf dem Bohlendorfer Berge angelangt war, fuhr ein langer gespenstischer Zug an ihm und seinen Pferden vorbei. Er sah allerlei Gestalten zu Fuß, aber auch auf Pferden an ihm vorbeiziehen. Diese waren dunkel, hatten unbestimmte und unklare Umrisse und machten einen gar schaurigen und gespenstischen Eindruck. Der Müllergeselle lenkte seinen Schimmel, der Zeichen von großer Unruhe von sich gab, etwas abseits vom Wege und hielt hier bis der langgestreckte Tross vorüber war. Wie lange es gedauert hat, bis auch die letzte Gestalt das Zuges im Dunkel der Nacht verschwunden war, wusste der Müllergeselle später nicht mehr anzugeben. Sein Gefühl sagte ihm aber, dass mehrere Stunden vergingen, ehe der schauerliche Zug vorübergezogen war.

Karls XII. speist auf dem Stein bei Nadelitz

© René Geyer

Wenn man die alte Mönchguter Landstraße in Richtung Putbus fährt, dann durchquert man auch das kleine Dorf Nadelitz. Dort, so ziemlich am Anfang des Dorfes unter alten Eichen, liegt ein großer Stein um den sich folgende Sage rankt:

Als die Preußen und die Dänen bei Stresow auf der Insel Rügen gelandet waren, zog ihnen nun König Karl der Xll. von Schweden entgegen, um sich mit ihnen zu messen. Von Stralsund kommend, schlug dieser die Landstraße über Garz und Putbus ein. So um die Mittagszeit war er mit seinem Gefolge bei dem Dorf Nadelitz angekommen. Beim König und auch bei seinem Gefolge hatten sich großer Hunger und Durst eingestellt. Der König sah unmittelbar neben der Landstraße einen stattlichen Felsblock liegen und sprach zu seinen Leuten: „Hier hat uns die Natur selbst eine Mittagstafel bereitet und hier wollen wir speisen und uns für die bevorstehende Schlacht stärken“. Wie der König befohlen hatte, so geschah es dann auch sogleich. Das Andenken an dieses Königsmahl hat sich aber bis auf den heutigen Tag im Munde des Volkes erhalten.

Der Stein ist 180 cm lang und 90 cm breit und ragt fast 30 cm über dem Erdboden hervor. Die Oberfläche ist abgeplattet und ganz glatt, als ob sie künstlich bearbeitet worden wäre.

In neuerer Zeit wird vermutet das es sich bei diesem großen Stein um den Rest eines vorgeschichtlichen Grabes aus der Steinzeit handelt. In und um Nadelitz herum befinden sich viele geschützte Bodendenkmale aus der Jungsteinzeit und aus der Bronzezeit. Dieser Teil Rügens ist gerade auch „sagenhaft“ mit vorgeschichtlichen Denkmalen gesegnet.

Der Schwarze See in der Granitz

© René Geyer

In der Granitz, in stiller und ruhiger Waldeinsamkeit, liegt der sagenumwobene Schwarze See. Ein Dienstmädchen will nun um das Jahr 1817 die folgende Begebenheit erlebt haben:

Sie einmal mit mehreren Frauen und Mädchen ihres Heimatdorfes in die Granitz, um Heidelbeeren zu sammeln. Um die Mittagszeit, wo sie in der Gegend des Schwarzen Sees waren, setzten sie sich unter eine Buche, um zu essen. Da stieg ihnen plötzlich der Geruch von frischem Brot in die Nase. „Wer hat hier frisches Brot?“, fragten sie sich. Sie erblickten ein kaum eine Elle hohes Männchen am Fuße eines Hügels kommend auf den See zugehen. Nicht lange darauf folgte ein weiteres Männchen, dann noch eines und noch eines. Einer von ihnen trug etwas und neben ihm liefen drei weitere Männchen mit ihren Frauen. Alle gingen sie nun an den See. Was sie dort aber machten, konnten die Mädchen nicht erkennen. Es verging eine Viertelstunde und dann kam der Zug der kleinen Leute in der gleichen Ordnung vom See wieder zurück und verschwand. Erschrocken von diesem Erlebten liefen die Mädchen zur Wohnung des Försters. Der erklärte den Mädchen, dass dies die Unterirdischen gewesen sein müssen, die eines ihrer Kinder am Schwarzen See getauft hätten.

Der Kahn im Baum

Ein Kahnfahrer, der um den See wohnte, fing einmal in seiner Reuse einen mächtig großen Aal. Als er diesen herausgenommen und eine gute Strecke getragen hatte, wurde ihm der Aal so schwer, dass er ihn kaum von der Stelle bewegen konnte. Ärgerlich fing er an, den Aal zu schlagen und plötzlich wurde dieser wieder leichter. So trug er ihn eine gute Strecke. So ging es auch zum zweiten Male: der Aal wurde allzu schwer und ließ sich erst wieder weitertragen, nachdem er durch Schläge sein Mütchen an ihm gekühlt hatte. Als es aber zum dritten Male so kam und der Aal schwerer wurde als je zuvor, beschloss der Bauer, ihm nun den Kopf abzuschneiden. Er nahm den Aal aus dem Handnetz heraus, aber da flutschte ihm der Aal aus den Händen und lief weg. Als nun der Bauer am anderen Tage wieder an dem See kam, war sein Boot mit einem Mal fort. Nach einiger Zeit des Suchens sah er im Wipfel einer Eiche sein Boot hängen. „Wo het de Düwel di in de Eek treegen?“, rief er da voll Verwunderung aus und aus dem Nichts antwortete ihm eine Stimme: „Dat het de Düwel nich dan; ick zog un min Broder schob, un so kreegten wier beide ehm dor herup.“

Der Nachtjäger in der Garzer Heide

An einem hellen Mondscheinabend ritt der Ackermann S. auf der Rückkehr von Bergen nach Garz durch das Karnitzer Holz und die Garzer Heide. Als er an dem Armenbusch gekommen war, sah er plötzlich unter einer Eiche einen stattlichen Reiter auf einem Schimmel halten. Zur gleichen Zeit scheute sein eigenes Pferd und ließ sich nicht von der Stelle bringen, so dass der Ackersmann gezwungen war, sich den Spuk anzuschauen. Der fremde Reiter rührte indes kein Glied. Mit der Hand hielt er eine große Koppel Hunde, die so wie der Reiter und dessen Schimmel ihre feurigen Augen stier auf die Garzer Heide gerichtet hatten. Während der Ackersmann dies alles sah, trat ihm der Schweiß auf die Stirn und es war ihm, als bewegten sich ihm die Haare auf dem Kopfe.

Plötzlich rief der Schimmelreiter: „Hitz, hatz und huß!“, ließ die Hunde los und der ganze Zug saust wie ein Sturmwund an ihm vorüber und war seinen Blicken bald entschwunden. Der Ackersmann schöpfte wieder Luft und Mut und setzte seine Reise fort. Aber trotz seiner genauen Kenntnis des Weges und trotz des hellen Mondscheins, kam er bald vom Wege ab. Wie er eben gewahr wurde, dass er sich mitten in der weglosen Heide befand, hörte er auch schon wieder das fürchterliche „Hatz, hatz!“ und das Gekläff der Hunde. Als er sein Gesicht nach der Richtung drehte, von wo er das Geräusch vernahm, sah er zu seinem Entsetzen die wilde Jagd geradezu auf sich zukommen. Alles Bemühen, mit seinem Pferd eine andere Richtung zu nehmen, war ohne Erfolg. Und mit Schrecken sah er den Augenblick nahen, wo die wilde Jagd ihn erreichen würde. Nicht lange währte es, da sauste der ganze Tross an ihm vorüber und ganz deutlich erkannte er in dem verfolgten Wilde einen nackten Menschen männlichen Geschlechtes von der Größe eines 5- oder 6-jährigen Knaben. Dieser rannte mit gesträubten Haaren und ängstlichen, grausigen Blicken und mit schlackernden Armen, als wenn er diese mit zum Laufen brauchen wollte, an ihm vorüber.

Zwölf große Windhunde mit feurigen Augen und lang aus dem Halse hängender Zunge waren auf seiner Spur und verfolgten ihn samt dem fürchterlichen Reiter. In der Nähe von Strachtitz endete die Jagd, man hörte ein Freudengeschrei des Jägers wie einen Donnerschlag. Das Pferd des Ackermanns jagte mit einem Mal los wie mit der Peitsche geschlagen und hielt erst in Garz wieder an.

Die Entstehung der Insel Ruden und Oi

© René Geyer

In früheren Zeiten war, so erzählt man sich noch heute, der südöstliche Teil der Insel Rügen dem gegenüberliegenden Festland viel näher gelegen als heutzutage. Dort, wo sich jetzt das neue Tief zwischen Mönchgut und Pommern ausbreitet, soll ehemals überall festes Land geherrscht haben. Es ward nur ein schmaler Wasserlauf, worüber ein Steg von hineingeworfenen Pferdeschädeln und Knochen führte und der die beiden Länder trennte. Da entstand in einer Nacht plötzlich ein so fürchterliches Unwetter mit einem gewaltigen Orkan und eine verheerende Sturmflut brauste gegen die Küsten der Insel heran. So wurde der ganze Süden der Halbinsel Mönchgut von den Wogen des Meeres verschlungen. Zwei vollständige Kirchdörfer, Ruden und Carven, sollen nun damals untergegangen sein. Die beiden Inseln Ruden und die Greifswalder Oie hingegen blieben als Reste des ehemaligen Landes übrig.

Zänkischer Ort

Von einer anderen Stelle auf Rügen erzählt man sich folgendes: Ein Teil der Garwitz heißt im Volksmund „de Kriegwisch“. In früheren Zeiten soll die Garwitz mit Holz bewachsen gewesen sein und das haben die Bauern dann allmählich abgerodet, um Weidegelegenheiten für ihr Vieh zu bekommen. Als sie aber nun den Teil rodeten, der jetzt Kriegwisch heißt, erzürnten sich die Leute bei der Arbeit dermaßen, dass es zu einer Prügelei mit blutigen Köpfen kam. Da haben dann die Leute aus der Umgebung gesagt: „Disse Wisch sall de Kriegwisch heeten!“, und das soll so um 1840 gewesen sein.

Die tote Eiche

Nun wird noch berichtet von der Brauteiche: Am Wege von Pantow nach Zirkow stand vor vielen, vielen Jahren, dort wo der alte Weg nach Zargelitz links abgeht, etwa gute 30 Schritt waldeinwärts an einem kleinen Anberg, die sogenannte „Brauteiche“. Diesen Namen erhielt der Baum, als einstmals ein Brautpaar, das vor einem Gewitter unter diesen Baum geflüchtet ward, dort vom Blitz erschlagen wurde. Der Eichbaumstark darauf. Zuletzt stand nur noch ein Stumpf mit einem einzigen Ast. Vor etwa fünfzig oder sechzig Jahren, so genau weiß man es nicht, ist auch der verschwunden.

Weitere Rügen-Sagen kennenlernen

René Geyer berichtet bei seinen Sagenwanderungen von magischen Wesen und fesselnden Orten der Insel Rügen. Auch bei seinen archäologischen Wanderungen und Kräuterführungen gibt es viel Rätselhaftes in der Inselnatur zu entdecken. Entdeckt mehr Sagen im FrühlingHerbst und Winter.

Naturführer René Geyer
E-Mail: info@naturgeyer.de
Telefon: 0173 9898031
Website

Die nächsten geführten Wanderungen mit René Geyer

Gastautor

René Geyer

René Geyer kennt die Inselnatur ganz genau. Der auch als „Kräuter-Geyer“ bekannte Erlebnis- und Naturführer verfasst regelmäßig für das Urlaubermagazin Urlaub à la Rügen eine Kolumne über Kräuter- oder Blumenpflanzen sowie über Sagen der Insel Rügen.

Seit 2004 können sich Gäste und Einheimische bei seinen abwechslungsreichen Touren mit allerhand Wissenswertem die natürlichen Schönheiten dieser Inselregion erklären lassen. Ob bei archäologischen Führungen zu den bekanntesten Großsteingräbern Rügens bei Lancken-Granitz, bei seinen Kräuterführungen in den Zicker Bergen oder bei seinen legendären Sagenwanderungen, René Geyer lässt Euch die Natur Rügens aktiv erleben.

Alle Führungen findet Ihr bei uns im Veranstaltungskalender, in der Rügen-APP und unter www.naturgeyer.de

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Eva-Maria

Eva-Maria

Mit ihrem geschulten Rügen-Kennerblick erkundet Eva-Maria gern mit ihrer Familie die ganze Insel und zeigt Euch ihre Lieblingsplätze. Im Südosten der Insel Rügen verbrachte sie ihre Bullerbü-Kindheit und ging dann zum Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften nach Wien. Vom Land in die Stadt, vom Meer auf den Berg: nach diesem Kontrastprogramm hat sie wieder auf Rügen Fuß gefasst. Was sie mit Rügen verbindet? Heimat, die tägliche Dosis Meer und ein Gespür für die Eigenarten der Rüganer, die trotz kühlem Wesen ein großes Herz für ihre Insel haben.