Rugia: Eine Reise durch Rügens slawische Ortsnamen

Gastbeitrag von Nordpfeil Rügen

Fährt man auf Deutschlands größter Insel durch die Landschaft, begegnet man zum Teil wirklich merkwürdigen Ortsnamen. Ob Fabelvitz, Ranzow oder auch Göhren, sie alle sind anders, vielfach einzigartig und laden zu manch Wortwitz ein:

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Aber was steckt nun hinter Rügens Ortsnamen?
Wir haben uns für Euch auf die Suche nach Antworten gemacht.

Rügens Ortsnamen

Slawische Ortsnamen auf Rügen

Für das Ostseebad Göhren kann man sich sehr gut freche „Fischerskinder“ mit einem Schalk im Nacken vorstellen. Könnte der Ort vielleicht früher besonders geburtenstark gewesen sein und daher seinen Namen haben? Putbus klingt nach einem „defekten Verkehrsmittel“ und das liegt nahe, denn auch heute ist hier ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, wo sich Bus, Kleinbahn und Regio treffen. Ähnlich ist es mit Putgarten, könnte der Namen von der Zerstörung einer Grünanlage stammen? Hinter Sagard verbirgt sich Asgard, die Wohnstätte der nordischen Götter. Sucht man aber nach Erklärungen für Sassnitz, Binz, Sellin und Thiessow, wird es schon schwieriger.

Ganz so einfach ist es dann leider doch nicht mit den Ursprüngen der Rügener Ortsnamen. Was steckt also wirklich dahinter, woher stammen sie und was ist ihre tatsächliche Bedeutung?

Rugia, Rujani und Ranen

Wie alte Gräber und Grabhügel zeigen, war die Insel Rügen seit der Steinzeit fast durchgängig besiedelt. Nach der Bronzezeit lebten hier zunächst die Germanen. In der Völkerwanderungszeit scheint die Insel kaum besiedelt gewesen zu sein. Der antike Geschichtsschreiber Tacitus berichtet erst im Jahre 98 vom Stamm der Rugia. Diese verließen ihre Heimat im Norden, kehrten jedoch irgendwann wieder dorthin zurück aus dem Süden. Vermutlich bezieht er sich auf einen anderen Stamm Skandinaviens. Die Namens­ähnlichkeit kann Zufall sein, genau wie bei Asgard und Sagard. Wobei in Sagard tatsächlich ein heid­nischer Gott verehrt wurde.

Im 7. Jahrhundert wanderten slawische Stämme in unsere Region ein und besiedelten die Inseln der süd­lichen Ostsee neu. Wären sie dabei auf Germanen gestoßen, sollten germanische Ortsnamen auf Rü­gen erhalten geblieben sein. Das ist nicht unbedingt der Fall. Die Ortsnamen stammen aus jener Zeit, als die Slawen hier neue Siedlungen errichteten.
Der Geistliche Helmold von Bosau nannte die slawischen Bewohner der Insel „Ranen“. Doch auch das ist vermutlich nicht die korrekte Bezeichnung. Da die damaligen Bewohner Rügens bis zu ihrer Christiani­sierung im Jahre 1168 keine Schriftsprache benutzten, gibt es leider keinerlei Aufzeichnungen oder an­derweitige Dokumentationen über ihr Leben.

Der Name “Rügen”

Der Name „Rügen“ stammt vom slawischen „Roh“, was für Horn oder auch Land­zunge stehen kann, ab­ge­leitet von der Form der Insel. Entstanden Stammes­namen von Ortsnamen, erkannte man das an der En­dung.

Die Endung -jani benennt die örtliche Bevölkerung. Die Ru(g)jani lebten auf Rügen. Die Bezeichnung „Rüganer“, wie sich heute die gebürtigen Insulaner nennen, geht also auf diesen Wortstamm zurück. Der Begriff “Ranen” wiederum stammt aus einer falschen Überlieferung, denn die damaligen Ge­schichts­schreiber, die über die Insel im frühen Mittelalter schrieben, waren selbst nie vor Ort. Sie schrieben nur das auf, was andere ihnen erzählten – vergleichbar mit dem Spiel „stille Post“.

Endungen und Vorsilben

Beschilderung in Sassnitz

Bei der Betrachtung von Rügens Ortsnamen ist zu erkennen, dass gewisse Endungen sehr häufig auf­treten. Das trifft besonders für „-itz“ zu. Dieser eingedeutschte Zusatz aus „-icy“ hebt Besonderheiten des Ortes hervor. Häufig unterstreicht er unbelebte Eigenschaften, wie die geografische Lage.
Vilmnitz ist zum Beispiel der „Ort am Ausfluss“. Sassnitz (Sascenicy) stammt von „za scenje“ – (Ort) „hinter der Wand“ ab. Der Name beschreibt die Lage des Ortes. Der ursprüngliche Ortskern bildete sich hinter einem Einschnitt des Steilufers.
Die Endung „-witz“ hingegen bezieht sich auf den Namensträger, der vermutlich Ortsgründer war. Glewitz war also ursprünglich der „Ort des Glev“ oder der Familie Glev.
Orts­namen mit „-ow“ am Ende weisen auf die belebte Natur hin: Thiessow als „Ort der Eiben“, Lietzow – „Ort des Fuchses“. 
Die Namensendung „-in“ steht ebenfalls für ortsbezogene Eigenschaften. Sellin beschreibt einen salz­haltigen See. Den Namen übernahmen die Anwohner für den Ort. Viel später ging er wieder zurück auf den „SellinerSee.

Neben solchen Endungen finden wir auch typische Vorsilben aus der Slawenzeit auf der Insel. „Put“, das in Putgarten und Putbus gleichermaßen vorkommt, steht für „unter“ bzw. „unterhalb“. Putbus heißt über­setzt „unterhalb des Busches“. Fürst Malte von Putbus interpretierte den „Busch“ vermutlich als Hage­butten­busch und veranlasste, dass die Anwohner dem zum Gedenken Rosen vor ihre Gebäude pflanzten. Seitdem ist Putbus auch als “Rosenstadt” bekannt.
Die Endung „-bus“ bezog sich bei den Ranen auf den Holunderbusch, der eine besondere Bedeutung für Heilung und Gefahrenabwehr bei den Slawen hatte.

Im Ortsnamen Putgarten ist nicht der „Garten“ enthalten, sondern der alte Begriff „Gard“, was als „Burg“ übersetzt werden kann. Der slawische Ortsname steht also für „unterhalb der Burg“ und bezieht sich auf die Lage des Ortes unterhalb der ehemaligen Jaromarsburg am Kap Arkona.
Eine weitere Vorsilbe ist „Sa“, abgewandelt vom ursprünglich slawischen „za“. Diese findet sich nicht nur in “Sassnitz” – “hinter der Wand”, sondern ebenfalls in Schaprode, ehemals “Zabrod” – „hinter der Furt“ (zur Insel Oi) oder in Sagard – „hinter der Burg“. „Sa“ steht somit für „hinter“.

Besondere Ortsnamen

Fahrradfahrer spüren regelmäßig am eigenen Leibe, dass die Eiszeit auf der Insel ein recht unebenes Gelände mit vielen Erhöhungen hinterlassen hat. Manche Hügel stechen besonders hervor.
Auch sie finden sich in den Ortsnamen wieder: „Gora“ ist slawisch für „Berg“. Es verwundert demnach nicht, dass die Stadt Bergen früher auch „Gora“ hieß. Der Ort liegt etwa 50 m über dem Meeresspiegel zentral auf der Insel. Für Gäste aus dem südlichen Deutschland eher ein Hügel, für uns norddeutsche Flachländer schon ein richtiger Berg.

So sahen es wohl auch die Ranen, die Goor bei Lauterbach erhielt ihren Namen ebenfalls von der Erhebung. In Göhren klingt heute noch schwach „gorina“ – die „bergige (Ortschaft)” mit.
Wie für Sagard und Putgarten bereits erwähnt, finden wir gelegentlich die Burg – „Gard“ in Rügens Ortsnamen, wie im Rugard – „Rügenburg“ oder Garz – „Burg“. Sie weisen tatsächlich auf ehemalige slawische Burgstandorte hin.

Rugard bei Bergen residierte vermutlich der Rügenfürst. Putgarten befindet sich unterhalb der Burg am Kap Arkona. Hier wurde durch die Ranen bis zur Christianisierung 1168 der Höchste aller westslawischen Götter mit dem Namen Svantevit – „heiliges Licht“ verehrt.
Auch in Sagard verehrte man einen Gott. Diese Burg hieß einmal „Asund“ und war die Hauptburg vom heutigen Inselteil Jasmund. Im Burginneren stand ein Tempel für den Gott Pizamar.
Nicht alle Ortsnamen kann man heute deuten. So weiß man nicht, wofür Arkona und Jasmund einmal standen.

Die einzige Verbindung zum Muttland, dem Hauptteil der Insel Rügen, besaß Jasmund vor dem Damm­bau in Lietzow über die Nehrung Schmale Heide. Prora war sozusagen „die Schwelle“ von einem Inselteil zum anderen.
Die Schmale Heide, Prora und Teile von Binz liegen auf einem langen Sandhaken, der sich erst nach der Eiszeit durch angespülten Sand aus dem Meer bildete. Der feste Inselkern beginnt mit der Granitz – der „Grenze“. Sie beschreibt eine Abgrenzung verschiedener Landschaftsteile. Der Ortsname Binz, am Fuße dieser Erhebung und deutlich tiefer gelegen, ist vom Wort „Keller“ abgeleitet.

Rügens Siedlungsstruktur

Die Slawen, die späteren Rujanen, besiedelten ab dem 7. Jahrhundert die Insel. Die Besiedlung begann in Küstennähe und dehnte sich immer weiter auf die Inselzentren aus. Vermutlich waren es einzelne Grup­pen, die hier ankamen, später bildete sich der Stamm der Rujanen daraus. Die Besiedlung nahm ab dem 11. Jahr­hundert noch einmal deutlich zu.
Laut Pollenanalysen fanden die ersten Siedler eine fast vollständig bewaldete Insel vor. Über die Jahrhunderte wandelte sich das Bild in eine Heidelandschaft. Holz benötigte man für den Haus- und Bootsbau, für den Bau der Burgen und zum Heizen. Durch den fehlenden Wald konnte der Regen nicht gespeichert werden, Senken füllten sich mit Wasser und Moore entstanden. Die Buche hatte kaum Konkurrenz. Die großen Buchenwälder wie die Stubnitz – „Ort der Stufen“ (bezogen auf die Faltungen der Landschaft) verdanken wir also den ersten Insulanern.

Die Rujanen lebten von Ackerbau, Viehzucht, Imkerei und Handel. Als Seeräuber waren sie bei ihren Nachbarn berüchtigt.
Die Sippen siedelten dort, wo sie ihrem Gewerbe nachgingen. Küstennahe Orte wie Sassnitz bewohnten die Fischer. An günstigen Stellen bildeten sich Handelssiedlungen, wie in Ralswiek – dänisch für „Han­dels­siedlung auf dem Sand“.
Die Burgen dienten anfangs als Fluchtburgen zum Schutz der Bevölkerung bei Gefahr, später standen in ihnen die Tempel der Götter und die Herrscher residierten dort.
Bauern lebten mit ihren Sippen in kleinen Ansiedlungen, die sich in günstiger Lage an ihren Feldern und Wiesen befanden. Diese Siedlungsstruktur blieb bis heute auf der Insel Rügen erhalten. Ihr verdanken wir die Überlieferung der vielen slawischen Ortsnamen.

Während auf dem Festland im Mittelalter planmäßig neue Siedlungen angelegt wurden und Siedler aus anderen Teilen Westeuropas dort eine neue Heimat fanden, war Rügen im 12. Jahrhundert so dicht be­sie­delt, dass es kaum Bedarf für den Neubau von Dörfern gab. Eine Ausnahme dabei ist Zirkow. Historiker vermuten, dass mit dem Bau einer Kirche neue Siedler ein Zeilendorf errichteten. Zirkow ist der Versuch, das Wort „Kirche“ in slawischer Sprache auszusprechen.
Mit der dänischen Eroberung im Jahre 1168 und der damit beginnenden Christianisierung der Insel Rügen verloren die Rujanen ihre Eigenständigkeit. Die Tempel wurden zerstört und die Götterbilder fielen dem Feuer zum Opfer. Die slawische Sprache der Rujanen starb mit der letzten Muttersprachlerin im Jahre 1404 auf Jasmund aus. Die Ortsnamen blieben bis heute erhalten. 

Führung Ralswiek im frühen Mittelalter

Frühmittelalterliche Siedlung © Nordpfeil Ruegen

Doch die Ortsnamen sind nicht alles, was die Rujanen uns hinterließen. Im Jahr 1963 entdeckte man in Ralswiek eine frühmittelalterliche Handelssiedlung wieder. Ab 1967 begannen umfangreiche Aus­gra­bungen. 2020 begannen wir, Nordpfeil Rügen, die Grabungsergebnisse digital zu rekonstruieren.

Seit 2021 kann man mit uns und unseren Rekonstruktionen die Original­­schau­plätze besuchen. Zu erleben sind das Heiligtum, in dem Ranen und Wikinger gemeinsam ihre Götter verehrten. Wir schauen uns die Stelle an, wo vor 1200 Jahren Menschen und Tiere geopfert wurden. Kaum einer weiß, dass unter dem heutigen Ralswiek ein bedeutsamer Silberschatz gefunden wurde, der sogar größer und bedeutender als der Blau­zahn­schatz aus Schaprode ist. Wir besuchen das Gräberfeld und erfahren mehr über die Vor­stellungen der Ranen über Götter, Geister und ihre Religion. Mit 400 Grabhügeln ist Ralswiek eines der bedeu­tends­ten Bodendenkmale der Region.

Termine und weiter Informationen findet Ihr unter:

www.nordpfeil-ruegen.de
nordpfeil.ruegen@gmail.com
0174 / 140 83 37


Quellen:

Beyersdorf (1893). Die slavischen Ortsnamen der Insel Rügen
Bosau (um1170). Chronica Slavorum
Handwerg (2010). Die slawischen Götter in Pommern und Rügen
Jacob (1984). Das wendische Rügen in seinen Ortsnamen dargestellt
Knapp (2018). Rügens Frühe Geschichte
Kühnel (1881). Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg
Lange, Jeschke, Knapp (1986). Die Landschaftsgeschichte der Insel Rügen seit dem Spätglazial
Ruchhöft, Reimann, Willich (2011). Rügen im Mittelalter
Schmidt (2002). Götter, Mythen und Bräuche der Insel Rügen
Ziemann (2015). Ranen Rügen und Meer (abgerufen am 25.05.2021)

Gastautor

Nordpfeil Rügen
(Denny Neumann und Andrea Werner)

Nordpfeil Rügen, das sind Denny Neumann und Andrea Werner. 2021 gründeten die beiden gebürtigen Spreewälder Nordpfeil Rügen und pflegen seitdem auf Facebook eine Seite, auf der sie regelmäßig Blogbeiträge zur Geschichte von Rügen veröffentlichen. Als Quellengrundlage können die Beiden dabei auf eine digitale Bibliothek mit ca. 250 Büchern und Artikeln über die Geschichte der Westslawen zurückgreifen, deren Grundstein sie selbst 2005 gelegt haben.
Da die Insel die Beiden schon mit dem ersten gemeinsamen Besuch 2014 in den Bann gezogen hatte, wurde Rügen ihre neue Heimat. Besondere Aufmerksamkeit gewann Ralswiek. Der Forschungsstand zu der ursprünglich slawischen Handelssiedlung ist beispiellos. Dennoch weiß kaum jemand etwas von dem Wirken der Ranen in Ralswiek. Mit Hilfe von Visualisierungen und Führungen möchte Nordpfeil Rügen das ändern.
Mittlerweile beteiligen sie sich neben ihren Führungen an zahlreichen kulturellen Projekten der Insel und möchten das weiter ausbauen. Sie halten Vorträge bei der Volkshochschule und man kann sie bei der Schlacht um Svantevit am Arkona sehen, wo sie mit ihren Tieren den Pferdekult nach historischer Überlieferung zeigen. Auch in Göhren beim Wikingerfest wird Nordpfeil Rügen mit einem Stand vertreten sein.

Birte

Birte

Seit mehr als 10 Jahren lebt und arbeitet Birte auf Rügen. Nach ihrem Studium der Geschichtswissenschaften und Station in Bremen hat sie ihren Lebensmittelpunkt auf unserer schönen Insel gefunden. Als echtes Küstenkind, das immer eine steife Brise um die Nase braucht, fiel ihr der Wechsel von der Nordsee an die Ostsee auch nicht schwer, nur die Tiede fehlt ihr ab und zu mal.

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