Was man von Prora wissen sollte

Es gibt ihn tatsächlich, den legendären über 4,5 Kilometer langen, fünfstöckigen Gebäudekomplex entlang der Ostsee. Von diesem Bauwerk über Dritte zu erfahren oder ihn live zu erleben, ist noch mal eine andere Hausnummer. Wir zeigen Euch, was diesen Ort so außergewöhnlich macht.

Prora, der Koloss von Rügen

Prora erfindet sich neu

Bis heute ist Prora eines der monumentalsten Zeugnisse unserer Zeit. Auf knapp 4,5 Km Länge ballen sich über acht Jahrzehnte abwechslungsreicher Bau- und Nutzungsgeschichte, zwei politische Systeme haben hier ihre Spuren hinterlassen.

Zwischen Neu Mukran und dem Ostseebad Binz gelegen, erfindet sich das monströse Gebäude gerade wieder neu. Aus dem einst unvollendeten Nazi-Seebad, das später zu einem der größten NVA-Standorte der DDR wurde, entstanden luxuriöse Anlagen mit Eigentumswohnungen und Ferienappartements. Die Jugendherberge Prora und Hotels ergänzen die Übernachtungsmöglichkeiten. Auch die meisten Bewohner sind eingezogen, mit einem der schönsten Badestrände Rügens direkt vor der Haustür.

Proras Geschichte: wie alles begann

Zeichnung Gerda Rotermund, Plan-Entwurf KdF-Seebad Rügen, 1938

In der NS-Zeit soll Prora ein großes Seebad für 20.000 Urlauber werden. Damals heißt die Anlage noch „Kraft-durch-Freude-Seebad Rügen“, der Name „Prora“ hat sich erst später etabliert, als aus den unfertigen KdF-Bauten einer der größten Militärstandorte der DDR wird.

Der Entwurf für das Seebad stammt vornehmlich vom Architekten Clemens Klotz. Acht Bettenhäuser -die heutigen Blöcke- sind in erster Reihe am Strand der Prorer Wiek vorgesehen, dazwischen ein zentraler Festplatz mit Kaianlage. Der ursprünglich 5 km lange Komplex soll dem deutschen Arbeiter zu günstigen Preisen die „wahren Erholung“ verschaffen und ihn „nervenstark“ für den kommenden Krieg machen. Insgesamt fünf solcher KdF-Seebäder sind entlang der Ostseeküste zwischen Timmendorfer Strand und Ostpreußen geplant. Prora ist sozusagen der Prototyp.

Grundsteinlegung des KdFs

Der Startschuss fällt am 02. Mai 1936 mit der Grundsteinlegung, der Grundstein ist allerdings bis heute verschollen. Nach den Feierlichkeiten wird die Baustelle eingerichtet, auch die Bahnstrecke Lietzow-Binz mit Haltestellen in Prora stammt aus dieser Zeit. Ab 1938 nehmen die Bauten dann nach und nach Gestalt an, das Seebad wird zu einer der Großbaustellen im Dritten Reich. Die Propaganda läuft auf Hochtouren.

Prora und der Zweite Weltkrieg

Bettenhäuser im Rohbau, 1943 © Archiv PRORA-ZENTRUM

Doch mit Beginn des Zweiten Weltkrieges tritt auch auf Rügen zügig der Baustopp ein. Mensch und Material werden für den Krieg gebraucht, die Rohbauten sollen nach dem versprochenen „Endsieg“ fertiggestellt werden. Zum Teil schon fertige Angestelltensiedlungen werden zu Ausbildungsquartieren, das Areal für „kriegswichtige Zwecke“ genutzt.

Doch der Kriegsverlauf ändert auch die Pläne für Prora. Mit Kriegsende gehört Rügen zur Sowjetischen Besatzungszone, die Rohbauten werden zu begehrten Baustoffquellen, auch für die Bevölkerung. Der ursprünglich südlichste Block, in direkter Nachbarschaft zu Binz, verschwindet in dieser Zeit vollständig.

Nach dem Krieg

Kasernierter Volkspolizist in Prora vor einer unverputzten Wand, Foto: Rauprecht © Archiv PRORA-ZENTRUM

Durch den beginnenden Kalte Krieg und der Wiederaufrüstung in Ost und West wird Prora schließlich als Militärstandort interessant. Ab 1952 wird das Gelände von der Kasernierten Volkspolizei (KVP) genutzt, dem Vorläufer der 1956 folgenden Nationalen Volksarmee. Zeitgleich beginnt auch der Ausbau, fünf der noch sieben bestehenden Rohbauten werden fertiggestellt, einer davon, der heutige Block 1 (die Zählung verläuft von Süd nach Nord), wird Ferienheim für Armeeangehörige. Die letzten beiden nördlichen Gebäude (die heutigen Ruinen) bleiben unvollendet und sind später Truppenübungsplatz. Der Strand sowie das Areal der heutigen Naturerbefläche werden militärisches Sperrgebiet.

Militärstandort Prora

Offiziere in Prora, Foto: Beinhoff © Archiv PRORA-ZENTRUM

Mit Gründung der NVA ist Prora ab 1956 Standort für Landstreitkräfte. Über 10.000 Soldaten sind hier zu Spitzenzeiten stationiert.  Es kommt zu mehrfachen Umstrukturierungen, Einheiten kommen und gehen. Lehreinrichtungen für Unteroffiziere gehören seit den 1960er Jahren ebenfalls zum Standort. 1981 folgt die DDR-weit erste Offiziershochschule für ausländische Kader. Militärangehörige aus Mosambik, Nicaragua, Kuba und anderen Staaten werden in Block 4 ausgebildet.  

Im nördlichen Block 5 sind bis in die frühen 1980er Fallschirmjäger stationiert, mit den Ruinen nebenan als Übungsgelände.

Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sind seit 1962 auch Wehrdienstleistende in Prora. Der Standort ist unter ihnen für seinen Drill verschrien, das Motto „Drei Worte genügen – nie wieder Rügen“ wird zum geflügelten Wort.

Ab 1964 kommen die sogenannten Bausoldaten hinzu. Sie müssen auf dem Gelände u.a. Truppenübungsplätze anlegen und andere Bautätigkeiten ausführen.

Bausoldaten in Prora 

Bausoldaten Prora, 1983 © Archiv PRORA-ZENTRUM

Im Rahmen der Wehrpflicht ist der waffenlose Bausoldatendienst die einzige Alternative. Einen zivilen Ersatzdienst gibt es trotz mehrfacher Einforderung bis zum Mauerfall nicht, Totalverweigerung wird mit Gefängnis bestraft. Wer sich aus Glaubens- und Gewissensgründen für den Bausoldatendienst entscheidet, muss allerlei Nachteile in Kauf nehmen, da Waffendienstverweigerer als Staatsfeinde in Uniform betrachtet werden. Viele von ihnen schließen sich später der Oppositionsbewegung an.

1982 wird Prora zum größten Bausoldatenstandort in der DDR.
Nach dem Abzug der Fallschirmjäger ziehen mehrere hundert Bausoldaten in den Block 5. Sie müssen beim Bau des Fährhafens in Mukran mitarbeiten, um eine direkte Seeverbindung zwischen der DDR und der Sowjetunion zu schaffen.

Mit dem Mauerfall 1989 werden die letzten Bausoldaten doch noch im zivilen Bereich eingesetzt, nach der Wiedervereinigung gibt es keinen Bausoldatendienst mehr. 

Etwa 15.000 Bausoldaten hat es insgesamt in der DDR gegeben. Rainer Eppelmann, der nach dem Mauerfall zum Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung wird, ist ebenfalls ehemaliger Bausoldat. Die Geschichte hat zuweilen ihren ganz eigenen Humor.  

Vom Militärstandort zum heutigen Touristen-Hotspot

Landseitiger Blick entlang eines der sanierten Blöcke

1990 übernimmt die Bundeswehr den Standort, zwei Jahre später erfolgt die Auflösung und Übergabe des Areals an das Bundesvermögensamt. Kurz darauf wird die Anlage unter Denkmalschutz gestellt und bleibt in der Folgezeit überwiegend ungenutzt. Einige Jahre später folgt der Entschluss, die einzelnen Blöcke zu veräußern. Bis auf den Block 5 mit der Jugendherberge, der zu 1/3 Eigentum des Landkreises ist, gehört die Anlage heute privaten Investoren und ist größtenteils bereits zu modernen Wohn- und Ferienanlagen saniert. Hotels, Geschäfte und gastronomische Angebote erwarten Euch hier. Ein neues Kapitel in Proras Geschichte ist gerade dabei, geschrieben zu werden.

TIPP: Mehr über die wechselvolle Geschichte Proras erfahrt Ihr in den Ausstellungen und bei geführten Rundgängen des Dokumentationszentrums Prora (Block 3) und des PRORA-ZENTRUMs (Block 5). Hier erwartet Euch auch die Ausstellung „Opposition und Widerstand – Bausoldaten in Prora 1964-1989/90“. „Zeitsplitter“ im Gelände von Block 5 erinnern ebenfalls an die einst hier stationierten Waffendienstverweigerer.

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Eva-Maria

Eva-Maria

Mit ihrem geschulten Rügen-Kennerblick erkundet Eva-Maria gern mit ihrer Familie die ganze Insel und zeigt Euch ihre Lieblingsplätze. Im Südosten der Insel Rügen verbrachte sie ihre Bullerbü-Kindheit und ging dann zum Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften nach Wien. Vom Land in die Stadt, vom Meer auf den Berg: nach diesem Kontrastprogramm hat sie wieder auf Rügen Fuß gefasst. Was sie mit Rügen verbindet? Heimat, die tägliche Dosis Meer und ein Gespür für die Eigenarten der Rüganer, die trotz kühlem Wesen ein großes Herz für ihre Insel haben.

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