Historische Rundwege durch Sassnitz

Gastbeitrag Frank Biederstaedt

Spannende Geschichte ist auf Rügen allgegenwärtig. Straßen, Häuser, Plätze: über allem liegt Historie, die oft zum Greifen nahe ist. Doch wie oft steht man vor einem Gebäude und möchte gerne „hinter die Fassade“ schauen. Hier setzen die „Sassnitzer Hausgeister“ an, Wanderrouten bei denen Ihr Sassnitz in historischen Stationen entdecken könnt. Erfahrt mehr!

Stadtgeschichte in Hausgeist-Touren erkunden

In einem Rundwegesystem werden auf sechs thematischen Pfaden insgesamt 52 historische Stationen in Sassnitz und der näheren Umgebung vorgestellt. In kurzen Texten erfahrt Ihr Anekdoten und Fakten zu den vorgestellten Gebäuden und Plätzen und spürt vielleicht auch den „Geist“ des Ortes. Die geschichtliche Vielfalt von Sassnitz zieht sich in Form von Rundwegen quer durch das Stadtgebiet, die teilweise ineinander übergreifen. Folgende Rundwege und Stationen gibt es bei den „Sassnitzer Hausgeistern“ zu erkunden:

Route 1: Alt Sassnitz

Villa-Martha. Hier wohnte 1890 die Kaiserin Auguste Viktoria © Frank Biederstaedt

Versteckt in der Schlucht des Großen Steinbaches erfuhr das kleine Fischerdorf Sassnitz im ausgehenden 19. Jahrhundert große Veränderungen und in nur wenigen Jahrzehnten stieg es zu einem Ostseebad von Rang auf, in dem das Großbürgertum ebenso wie der Adel Sommerfrische suchten. Die Reisenden der 1850er Jahre fanden noch die urtümlichen Fischerkaten vor und schliefen zuweilen noch auf Strohsäcken. Ein Bad in der See und die traumhafte Umgebung halfen über dieses Übel jedoch hinweg. Wollte man gegen die Konkurrenz jedoch bestehen, war der Ausbau des Gastgewerbes unumgänglich. Die kleinen Katen riss man ab und baute neu: zwei – drei Stockwerke. Die sonst schmucklosen Häuser erhielten ab ca. 1880 die so typischen Veranden, die heute als eine Form des Bäderstils benannt werden.

Der Rundweg nimmt Euch mit auf eine Reise in die wechselhafte Geschichte des kleinen Fischerdorfes Sassnitz und stellt die Metamorphose zum führenden Ostseebad mit seinen berühmten Besuchern wie Brahms, Fontane oder Kaiserin Auguste Viktoria vor.

Route 2: Alt Crampas

Aus alten Zeiten: erstes-Seemannsheim in Crampas um 1895 © Fotosammlung Stadtarchiv Sassnitz

Die Crampasser verstanden sich mehr als Bauern denn als Fischer und vom aufkommenden Tourismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wollten sie gar nicht so viel wissen. Hier gingen die Uhren noch langsamer – zunächst. Hier in Crampas versuchten sich vier Stralsunder Herren während der Zeit des aufblühenden Tourismus und planten Anfang der 1870er Jahre ein „Seebad Crampas“ – ein Dorf neben dem Dorf. Es kam jedoch anders und die Planung von Theater, Hotel und mehr als 15 Villen kam nicht über ein paar Häuser hinaus. Die Geschichte gestaltete sich für Crampas jedoch abseits des Tourismus. Denn während Sassnitz in seiner Entwicklung als Ostseebad stagnierte, wurden in Crampas die Weichen für die spätere Stadt gestellt. Vor allem die Verkehrsindustrie wirkte sich positiv auf Crampas‘ Entwicklung aus und die Ortschaft wuchs kontinuierlich.

Im Jahr 1906 war es soweit, da eine Grenze zwischen Crampas und Sassnitz nicht mehr zu erkennen und der Zusammenschluss beider Gemeinden die logische Konsequenz war. Der Name „Crampas“ hingegen war Geschichte.

Auf diesem Rundweg werden die verschiedenen Facetten der Crampasser Entwicklung vom Tourismus bis hin zur dörflichen Infrastruktur mit Schule, Bahnhof, Gemeindeplatz usw. dargestellt.

Route 3: Stadthafen

Stadthafen Sassnitz

Die Geschichte der Gemeinde und späteren Stadt Sassnitz wurde entschieden von der Entwicklung des Stadthafens geprägt. Im Jahr 1889 zunächst als Fischereischutzhafen erbaut, wurde die weitere Entwicklung relativ schnell beschlossen, sodass ab 1897 die Eisenbahn bereits bis in den Hafen erweitert wurde und von hier Passagiere und Fracht mit Postdampfern ihre Reise ins schwedische Trelleborg antraten. Im Jahr 1909 wurde mit der Eröffnung der Eisenbahnfährverbindung der Grundstein zur „Königslinie“ gelegt, deren Fährschiffe bis 1998 aus dem Stadthafen und danach bis 2020 aus dem Hafen Mukran zwischen Sassnitz und Trelleborg verkehrten.

Der ab 1949 betriebene großflächige Ausbau zum Fischereistandort verlieh Sassnitz ein enormes Wachstum an Arbeitsplätzen und Einwohnern, sodass um 1970 die höchste Marke von ca. 17.000 Einwohnern erreicht werden konnte. Für über 200 Schiffe war Sassnitz der Heimathafen. Wie in vielen Wirtschaftsbereichen hatte auch für den Fischerei- und Fährstandort Sassnitz die politische Wende von 1990 gravierende Auswirkungen, die vor allem die Abwanderung der Einwohner zur Folge hatte und in einer Neuausrichtung hin zum maritim-touristischen Betrieb des Hafens resultierte.

Der Rundweg informiert nicht nur über alte und neue Gebäude, sondern behandelt auch ein echtes Sassnitzer Denkmal: den letzten originalgetreuen 26,5m-Kutter „Havel“.

Route 4: Kreide

Kreide

Für die umfangreichen Kreidevorkommen der Halbinsel Jasmund sahen die Einwohner bis ca. 1800 keine rechte Verwendung. Johann Jacob Grümbke, ein bedeutender Heimatforscher der Insel Rügen, behauptete sogar, es hätte der Insel besser getan, wenn sie aus Stein gemacht wäre, um diesen abzubauen. Und tatsächlich wurde die Kreide im Verlauf des 19. Jahrhunderts lediglich als Tünche für die Häuser verwendet. Allerdings erkannte man im ausgehenden 19. Jahrhundert nach und nach den Wert dieses Rohstoffs und baute die Kreide zur Verwendung als Düngekalk, für die Farben- oder zur Zementherstellung ab.

Viele kleine Gruben durchzogen die Jasmunder Landschaft, die heute als Biotope eine reichhaltige Flora und Fauna aufweisen. Die alten Kreidebrüche hinter Sassnitz sind als Relikt des traditionellen Kreideabbaus vor Ort heute ein Wahrzeichen der Stadt.

Der längste aller Hausgeist-Rundwege führt von den ersten Stätten des Kreideabbaus bei Sassnitz bis nach Klementelvitz, wo seit 1962 die abgebaute Jasmunder Kreide industriell verarbeitet wird.

Route 5: DDR im Bau

Schild am ehemaligen Stubnitz Kino © Frank-Biederstaedt

Mit dem Ausbau der Fischindustrie brach für Sassnitz eine weitere Blütezeit in seiner Entwicklung an. In rasantem Tempo wuchs die Stadt in westliche Richtung und es entstanden neue Wohngebiete. Seit dem 1. Januar 1957 durfte sich die Gemeinde nun offiziell Stadt nennen und somit war Sassnitz die nördlichste Stadt der DDR. Mit dem Aufschwung wurde natürlich auch eine soziale Infrastruktur geschaffen, zu deren typischen Vertretern der Architektur der 1950er Jahre die heutige Grundschule, entworfen von Hermann Henselmann, das ehemalige Stubnitz-Kino sowie das heutige, als Seemannsheim errichtete, Kurhotel gehören.

Der Rundweg führt Euch durch vier prägende Jahrzehnte der Stadt- und Baugeschichte, die uns Gebäude und Plätze hinterließen, die ihren „Geist“ erst auf den zweiten Blick offenbaren.

Route 6: Dwasieden

Etwas Geheimnisvolles umgibt diesen Ort heute. Verstreut im Wald erwarten den Wanderer zunächst düstere Militärhinterlassenschaften: ehemalige Unterkünfte, bunkerähnliche Anlagen und alte Dienstgebäude. Weiter zum Hochufer offenbart sich heute nur noch in Ruinen, was den „Geist“ dieses Ortes ausmacht: Schloss Dwasieden – eines der imposantesten und prunkvollsten Gebäude, die je auf Rügen errichtet wurden. Der Name Dwasieden bezieht sich im Wesentlichen auf die im südwestlichen Teil der Stadt Sassnitz gelegene Waldung, die in historischen Dokumenten auch Twarsyne, Dwohrside oder Dwörsid genannt wurde. Ein Flecken, der schon Caspar David Friedrich anzog, der hier eine heute noch vorhandene vorzeitliche Steinsetzung skizzierte. Zwischen 1873 und 1876 errichtete am Dwasiedener Hochufer der Bankier Adolph von Hansemann, einer der reichsten Männer des Deutschen Kaiserreiches das Schloss Dwasieden, auch Schloss Hansemann genannt, welches 1948 gesprengt wurde. Militärisch wurde das Gelände bereits seit den 1930er Jahren genutzt. Während die Gebäude der Kriegsmarine nach dem zweiten Weltkrieg fast vollständig abgetragen wurden, überdauern die Gebäude der NVA (Nationale Volksarmee) bis heute, deren letzte Truppen kurz nach der politischen Wende 1990 Dwasieden verließen.

Hinweise zu den Touren

Hausgeist-Touren im Überblick

Das historische Rundwege-System der „Sassnitzer Hausgeister“ lässt Interessierte die Stadtgeschichte auf eigene Faust erkunden. Faltblätter mit den Standorten der verschiedenen Stationen und einer Karte von Sassnitz erhaltet Ihr in der Stadtbibliothek in der Hauptstraße 34.

Über den Autor und Stadtarchivar Frank Biederstaedt

Frank Biederstaedt © Christian Thiele

Frank Biederstaedt wurde 1980 in Bergen auf Rügen geboren und wuchs in Sassnitz auf. Nach dem Abitur und seiner 4-jährigen Dienstzeit bei der Bundeswehr studierte Biederstaedt an der Fachhochschule Potsdam Archiv- und Bibliothekswesen. Nach bestandenem Studium arbeitete er in Magdeburg, Prora und Berlin. Seit 2010 leitet er das Stadtarchiv und die Stadtbibliothek Sassnitz und publiziert zur Heimatgeschichte.

Publikationen zur Sassnitzer Heimatgeschichte von Frank Biederstaedt

Cover „Sassnitzer Ansichten – Sassnitzer Alltag“ und „Jasmunder Heimathefte“

Frank Biederstaedt vom Stadtarchiv Sassnitz gibt seit 2013 in Zusammenarbeit mit dem Verlag Edition Pommern die „Heimathefte für die Halbinsel Jasmund“ heraus. Diese enthalten Kunst, Kultur, Geschichte, Regionales, Politik und Zeitgeschichte von Jasmund.

Neben den Heimatheften hat der Stadtarchivar und Autor auch an den „Sassnitzer Ansichten – Sassnitzer Alltag“ mitgewirkt. In dieser Sammlung könnt Ihr Euch auf fotografische Zeitreise durch die Entwicklung von Sassnitz begeben, Neues erfahren oder alte Erinnerungen auffrischen.

Beide Bücher gibt es hier.

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Eva-Maria

Eva-Maria

Mit ihrem geschulten Rügen-Kennerblick erkundet Eva-Maria gern mit ihrer Familie die ganze Insel und zeigt Euch ihre Lieblingsplätze. Im Südosten der Insel Rügen verbrachte sie ihre Bullerbü-Kindheit und ging dann zum Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften nach Wien. Vom Land in die Stadt, vom Meer auf den Berg: nach diesem Kontrastprogramm hat sie wieder auf Rügen Fuß gefasst. Was sie mit Rügen verbindet? Heimat, die tägliche Dosis Meer und ein Gespür für die Eigenarten der Rüganer, die trotz kühlem Wesen ein großes Herz für ihre Insel haben.